Exposé und Leseprobe des dritten Kapitels eines“Bremer Romans“

Sarah Tiemann, Oberstufenschülerin des SZ Kurt-Schumacher-Allee, die an einem unserer Literaturworkshops teilgenommen hat, arbeitet zur Zeit an einem Roman, der in Bremen spielt. Hier das Exposé des ersten und zweiten Kapitels und eine Leseprobe ! Viel Spaß beim Lesen.

 
Exposé des ersten und zweiten Kapitels
1576
Als die 16-jährige Katherine mit ihre Familie den alten Bauernhof verlässt und nach Bremen zieht, ahnt sie noch nicht, was für ein großes und lebensveränderndes Abenteuer ihr bevor steht.
Schon am ersten Tag überrumpelt sie die volle und laute Stadt und das Mädchen ahnt schon, dass dieses neue Leben ein ganz anderes sein wird, als ihr vorheriges einsames auf dem Land.
Trotz ihrer ärmlichen Verhältnisse, findet die Familie schnell ein geeignetes Haus, woraufhin Mutter, Vater und Bruder sich nach einer neuen Arbeit umschauen und Katherine anfängt all die anfallende, schwere Hausarbeit zu übernehmen.
Sie lernt schnell sich gegen den hochnäsigen Adel zu behaupten und knüpft langsam einige Kontakte mit Gleichgesinnten.
Während Katherine am Tag viel zu viel zu tun hat, fehlt ihr dieses in der Nacht, denn sie wird immer wieder von einem dunklen Schatten vor ihrem Fenster heimgesucht, der sie in tiefe Ängste stürzt und doch einige Geheimnisse und Fantasien mit sich bringt.
Fortan begleitet der Schatten immer Katherines Gedanken und lässt sich nicht mehr vertreiben.
Hin und her gerissen, ob sie wissen möchte, was es mit dem Schatten auf sich hat oder ob sie sich lieber weiter bei ihrem Bruder John in die Arme flüchten soll, wird die mutige Katherine zu einem kleinen, eingeschüchterten und sehr nachdenklichen Mädchen.
Doch soll sie das wirklich so hinnehmen und sich von der neuen Stadt unterjochen lassen?

 

Leseprobe des dritten Kapitels

[…]Nun war ich ganz alleine zu Hause und ich versuchte mir einen geeigneten Tagesplan zu machen.
Als ich mein Brot aufgegessen hatte, schaute ich wie viele Vorräte wir noch hatten.
Für heute würde es auf jeden Fall noch reichen, vielleicht sogar bis morgen.
Aber ich musste ganz dringend Wasser holen gehen und das Haus noch einmal durchfegen.
Durch das ganze Ein- und Ausgehen war eine Menge Schmutz reingetragen worden.
Eigentlich scherte mich das nicht im geringsten, doch ich wusste dass meine Mutter viel Wert darauf legen würde.
Ich räumte erst den Esstisch auf und säuberte das Geschirr von den letzten Tagen, das sich schon angehäuft hatte.
Nun war wirklich das letzte Wasser aufgebraucht, dass auch nur irgendwie einigermaßen sauber war.
Ich holte mir vier Eimer und band diese an unserer Eselin fest.
Dann führte ich sie hinaus auf die Straße.
Heute war alles um einiges belebter und es gab viele Grüppchen, die am Rand standen und sich aufgeregt miteinander unterhielten.
[…]Als ich die ersten Schritte auf der Straße machte, fühlte ich mich beobachtet, doch ich nahm es gefasst und lief weiter. Ich musste das Gefühl einfach ignorieren.
Entweder täuschte es mich oder aber es hatte Recht.
Mir war ersteres definitiv lieber.
Ich wusste nicht genau wo ich eine Wasserstelle oder einen Brunnen finden würde, obwohl Bremen natürlich genau an der Weser lag.
Ich steuerte auf eines der kleinen Grüppchen zu und fragte: „Entschuldigen Sie, wo finde ich hier einen Brunnen?“
Zuerst guckten die drei Männer und zwei Frauen mich verwundert an, doch dann sagte die eine: „Neu hier, was? Immer die Straße hinunter und dann am Ende rechts.“
Ich bedankte mich und lief weiter in die angegebene Richtung.
Je weiter ich ging, desto leerer wurde die Straße und ich kam endlich etwas schneller voran.
Die Eselin ließ sich von mir mehr hinterher ziehen, als das sie selbst ging.
Als ich rechts abbog hatte ich schon den Blick auf einen Brunnen gerichtet, an dem eine Frau grade Wasser schöpfte.
Ich kam näher, aber sie drehte sich nicht um. Wieso auch?
Sie hatte wahrscheinlich keinen Verfolgungswahn.
Die Frau zog den letzten Eimer aus dem Brunnen, nahm den anderen, den sie auf den Boden gestellt hatte, hoch und verschwand in einer Gasse.
Nun war ich alleine und das Gefühl beobachtet zu werden verstärkte sich wieder.
Ich ließ einen Eimer nach dem anderen hinunter, bis die Eselin voll beladen war.
Ich wollte mich beeilen wieder nach Hause zu kommen, damit dieses grausame Gefühl nachließ, doch das Tier machte nur noch mehr Schwierigkeiten, denn durch die neue Last wurde es nur noch träger.
Nachdem ich gedanklich den dreifachen Weg zurückgegangen war, führte ich das Tier um das Haus herum und band es fest.
Es war eine mühsame Arbeit die Wassereimer in das Haus zu tragen. Irgendwo konnte ich die Eselin ja sogar verstehen.
Als ich zwei Eimer nach oben in das Bad gebracht und die anderen beiden vor der Kochstelle platziert hatte, setzte ich mich erstmal hin.
Ich genehmigte mir noch eine Scheibe von dem Brot und warf dem Tier den Knust hin, der schon ganz hart war.
Nachdem ich noch ein Becher von dem Wasser getrunken hatte, beschloss ich, dass die kurze Pause mir genügt hatte.
Ich suchte den Besen und begann oben in meinem Zimmer zu fegen.
Als ich endlich den ganzen Dreck aus den oberen Etagen in das Erdgeschoss befördert hatte, landete er auf der Straße.
Ich wand mich nun dem Wohnzimmer zu, was im hinteren Teil des Hauses lag.
Den Unrat beförderte ich hinaus aus der Hintertür und fegte auch gleich den Hinterhof mit aus.
Nun kam endlich die Küche dran und ich hoffe danach das größte Übel für diesen Tag hinter mich gebracht zu haben.
Als ich die Krümel um den Esstisch herum alle aufgefegt hatte und die ganzen Ecken sauber waren, lehnte ich den Besen an einen Küchenschrank und setzte mich an den Tisch.
Ich malte mit dem Zeigefinder die Rillen im Holz nach und wurde etwas müde.
Verträumt schaute ich aus dem Küchenfenster.
Erst jetzt merkte ich, dass dort jemand stand. Ich schüttelte den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen.
Da stand er!
In aller Öffentlichkeit und am helllichten Tag.
Der Mann blinzelte kein einziges Mal. Er sah anders aus, so beschienen von der Sonne, aber ich erkannte ihn sofort.
Es war derselbe Mann, der mich in meinen Träumen verfolgte und mich ständig durch ein Fenster anschaute.
Plötzlich hatte ich keine Angst mehr. Vielmehr staute sich eine ungeheure Wut über so eine Dreistigkeit in mir an.
Wie konnte man nur so provokant ein junges Mädchen beobachten und so extrem in ihre Privatsphäre eindringen?
Voller Zorn sprang ich vom Stuhl auf, entschlossen ihn zur Rede zu stellen und Tapferkeit zu beweisen.
Ich musste es mir selber beweisen.
Ich war doch kein kleines, eingeschüchtertes Mädchen. Nein, ich würde ihn aus meinem Leben verbannen und endlich anfangen mich in der Stadt zu Recht zu finden.
Er starrte mich immer noch an. Man konnte es nicht anders sagen, denn seine Augen hatten einen stechenden Blick, der das Blut in meinen Adern gefrieren ließ.
Andererseits verzog er keine Miene.
Eine lange, rosa Narbe zog sich über seine linke Gesichtshälfte, was ihn brutal wirken ließ.
Ich sah nicht viel mehr, als sein Gesicht und schmale Schultern, die ihn schmächtig wirken ließen.
Ich merke, wie ich die Fäuste geballt hatte, doch das war mir egal.
Ich wollte nicht mehr in Angst leben müssen.
Als ich auf die Tür zustürmte, drehte er sich geschmeidig um und ich sah, wie sich ein gewinnendes Lächeln über seine Lippen zog.
War es also das was er wollte? Das ich Mut bewies? Bitte, das konnte er haben.
Ich trat auf die Straße, doch er verschwand in einer Menschenmasse, die sich scheinbar noch verdichtet hatte, nach meinem letzten Spaziergang.
Schnell versuchte ich ihm zu folgen, doch das war schwieriger, als ich gedacht hatte.
Während ich immer weiter seinem braunen Zopf folgte, verlor ich langsam die Orientierung.
Irgendwann interessierte mich aber auch das nicht mehr, denn ich wollte ihn nur noch zur Rede stellen.
Die Wut staute sich immer mehr in mir an, denn je näher ich ihm kam, desto schneller wurde er und wir hatten immer den gleichen Abstand zueinander.
Plötzlich stolperte ich über einen Stein und fiel hin.
Durch meine Hände ging ein heftiger Schmerz und als ich mich wieder hinstellte, sah ich wie mir das Blut die Handgelenkte runter lief.
Ich war mitten in eine zerbrochene Flasche gefallen.
Doch innerlich kochte ich und so wischte ich das Blut nur an meinem Kleid ab und sah grade noch, wie der Fremde in eine dunkle, leere Gasse verschwand.
„Na endlich!“, flüsterte ich und schlich ihm nach.
Als ich mit der Gasse verschmolz, war es nach wenigen Schritten stockdunkel. Es war so schmal und von so hohen Häusern umgeben, dass man nur schemenhaft etwas erkennen konnte.
Ich berührte mit beiden Händen die Wände, um einen Anhaltspunkt zu haben.
Die Kühle der Mauern war wohltuend für meine Hände, die brannten wie Feuer.
Langsam verschwand der Zorn, denn in dieser Gasse war nichts zuhören, außer das leise Geräusch, als meine Schuhe auf den Steinboden aufsetzten.
Diese Dunkelheit schien kein Ende zu finden und ich versuchte nach oben hin etwas Licht zu sehen.
Ein leichter Schimmer war da oben zu sehen und ich fragte mich immer mehr, wie es so dunkel sein konnte, wenn überall auf den Straßen die Sonne schien.
Die Wut wurde mit einem Hauch Angst versüßt und ich wurde langsam panisch.
Wo war ich überhaupt?
Und wieso war ich diesem Mann nachgelaufen? Um ihn zur Rede zu stellen?
Das war wirklich sehr naiv von mir gewesen.
Ich setzte nur langsam einen Fuß nach dem anderen, weil ich Angst hatte weiter zu gehen, doch ich wollte auch nicht mehr zurück. Dann hätte ich schließlich zugeben müssen, dass ich schwach war.
Die Steine der Mauer hatten langsam auch etwas Gruseliges. Sie erinnerten mich an ein Buch, indem die Steine reden könnten und Tiere fraßen.
Mein Herz schlug immer schneller und ich bildete mir Gegenstände ein, die auf dem Boden standen oder meterhoch über mir an der Wand hingen. Doch ich stolperte kein einziges Mal.
Mit einem Ruck zerrte jemand heftig an meinem Rock und als ich grade los schreien wollte, presste sich eine Hand auf meinen geöffneten Mund und der Schrei erstickte sofort.
Ich wurde in eine Einbuchtung gezogen, die sich von der Gasse entfernte.
Wir blieben stehen und ich versuchte mich panisch zu wehren.
War er das? Und was wollte er mit mir anstellen.
Die Person hinter mir war fast einen Kopf größer als ich und sie kämpfte mit meinen Zähnen, Händen zu Füßen.
Die Kraft, die sie aufbrachte war enorm, denn ich wand mich hin und her und wollte nur noch hier weg. Das erstaunliche war, dass alles lautlos geschah, denn ich dachte nicht mehr daran zu schreien und der Fremde hatte mich so fest im Griff, dass ich mich kaum richtig bewegen konnte.
Dann hörte ich es.
Augenblicklich hörte ich auf mich zu bewegen, denn ich wusste: hinter mir stand nicht mein Feind, sondern mein Beschützer.
Ich stand ganz still und versuchte möglichst flach zu atmen, was nach meinen Anstrengungen grade, nicht so einfach war.
Was ich hörte war ein metallisches Klingen, das auf Stein schlug. Als würde jemand mit einer Waffe gegen die Steinmauer hauen.
Sonst war nichts zu hören.
Ich wusste, dass ich ohne meinen Retter so in eine Falle gelaufen wäre, aber das hieß nicht, dass es schon vorbei war.
Das Geräusch kam immer näher und mit jedem weiteren Schritt, schien ich mich mehr und mehr gegen die Person hinter mir zu drücken.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es ein Mann war, allein wegen seiner Kraft und seiner Größe.
Er machte hinter mir keine Bewegung und ich konnte nur ganz leicht die Hebungen und Senkungen seines Brustkorbs spüren. Ich wurde immer noch fest gehalten und die Hand versperrte immer noch meinen Mund, aber das registrierte ich kaum.
Immer lauter wurde das Geräusch und mit jedem weiteren Schritt den er tat, schien mein Herz lauter zu schlagen.
Hinter mir drückte sich ein Kopf auf meine Haare und ich versank nur noch mehr in seinen Armen.
Es war schrecklich kaum etwas zu sehen. Wir standen in einer noch dunkleren Lücke und die Gasse war somit etwas besser zu erkennen, aber immer noch sah ich nicht genug.
Das Klopfen von Metall auf Stein veränderte sich nun. Es wurde zu einem quietschenden, kratzenden Schleifen, als ob das Metall jetzt an dem Stein entlang gezogen wurde.
Ich wusste, dass ich jetzt alleine in der Gasse stehen und meinem Tod entgegen sehen sollte und ich war plötzlich wirklich froh jemanden zu haben, der mich hielt.
Mich überkam eine regelrechte Schwäche und mein ängstlicher Zustand hatte den Höhepunkt erreicht. Wie hatte ich nur so naiv sein können?
Nun erwartete ich jeden Moment meinen mutmaßlichen Mörder, der aus unserem Versteck zu sehen sein musste.
Und dann, ohne jede Vorwarnung, tauchte er in meinen Sichtbereich ein.
Er bewegte sich langsam und jeder Schritt war bedacht. Er horchte auf das verängstigte Mädchen, das auf einen schnellen Tod hoffte und jede seiner Bewegungen deutete darauf hin, dass er dafür bereit war. Mehr als bereit.
Dann sah ich seine Armverlängerung, die er hinter sich her an der Wand schleifen lies.
Es war eine Art Metallstange, oder ein Schwert.
Dann änderte er plötzlich seine Armbewegung.
Seine Waffe schlug nun von der einen zur anderen Wand.
Er würde uns entdecken und mich treffen.
Ich würde sterben. Hier und jetzt, in den Armen meines Retters, dessen Namen ich noch nicht einmal wusste.
Ich schloss die Augen und wartete auf den Tod.

 

(Sarah Tiemann)