Ergebnisse aus den Workshops mit Roman Graf am 28. 1. 2010

Der Hund
Ich gehe um die Ecke und da steht er.
Majestätische Körperhaltung, gebleckte Zähne. Die Ohren sind aufmerksam aufgestellt und lauschen den Geräuschen der Stadt.
Da steht er, im Schein der Laterne, ein leichtes Zucken durchfährt seine angespannten Muskeln. Seine Augen sind konzentriert auf sein Ziel gerichtet. Dunkle Augen, die weder von Hass noch von großer Liebe zeugen.
An seinen gebleckten Lefzen tropft eine schäumende Flüssigkeit hinunter.
Sein großer Körper bewegt sich auf starken Beinen vorwärts.
Tief aus seiner Kehle dringt ein Knurren, zunächst leise, dann immer lauter.
Ein Brummen, ein Fauchen, ein Knurren, alles vereint zu einem bedrohlichen Ausruf.
Ich will weg, schnell, rennen, doch ich bin wie angewachsen.
Dann springt er. Mit einem gewaltigen Satz.
Diese Wucht!
Dann ist alles schwarz.

 

(Nele K.)


Schließlich betrat sie den verlassenen, weißen Ballsaal. Sie sah in der Ferne ihr Spiegelbild und schritt langsam und zitternd auf die armselige Gestalt zu, die sie wie gebannt fokussierte. Ihr Kleid war weiß gewesen, damals, doch nun wirkte es gelb und alt. Es hatte Risse und Löcher überall, wo man hinsah und man konnte die frühere Schönheit nur erahnen.
Es war totenstill in diesem riesigen Saal. Die Gestalt hatte ihre Schuhe abgelegt und lief nun barfuß weiter auf den Spiegel zu, bis sie schließlich ankam. Vorsichtig und langsam erhob sich einer ihrer Arme und ihre Finger presste sie gegen den goldenen Spiegel. Er war reich verziert und wirkte dadurch alt und zerbrechlich. Viele Verzierungen konnte man wegen dem Staub nicht erkennen. Verlassene Spinnweben hingen herunter. Es roch moderig und alt. Nun strich die zierliche Person mit ihren Fingern über die Haare ihres Gegenübers. Sie waren nicht mehr blond, sondern hatten etwas von altem Stroh. Erde klebte an ihnen, genau wie an den Wangen und an ihrer Nase. Ihr Make-Up war verschmiert, ihre Augen aufgequollen und verweint. Das einzig Perfekte an ihr waren ihre roten Lippen. Und so grinste sie. Es war kein glückliches Grinsen, eher reine Verzweiflung.
Ein hysterisches Lachen erfüllte den Ballsaal und schallte der zierlichen Person aus jeder Ecke entgegen. Sie schloss sofort ihren Mund und fiel zu Boden. Dort verweilte sie und ließ ihrer Wut freien Lauf. Sie schrie und hämmerte mir ihren Fäusten auf den harten Boden, bis sie bluteten. Danach wurde sie ruhig und atmete regelmäßig.

Sie hatte es getan und doch war sie wieder dort , wo sie angefangen hatte. Nur ihr Aussehen hatte sich verändert. Doch die Einsamkeit blieb. Wie ein unsichtbarer Schatten, den sie nicht abschütteln konnte. Sie setzte sich aufrecht vor den Spiegel und wischte das Blut an ihrem Kleid ab, betrachtete nur die Augen ihres Spiegelbilds. Wie sehnsüchtig sie nach einer Antwort verlangten, wie sehr sie sich nach einer Lösung sehnten. Und doch konnte sie ihnen nicht helfen. Sie waren verloren.
Nur langsam richtete sie sich auf und drehte sich um. Dann warf sie ihr Kinn nach oben und schwor ihrem Spiegelbild, dass sie einen Ausweg finden würde.

(Johanna Ar.)

Im Haus steht ein Stuhl.
Ein Stuhl aus Holz, vermutlich Kiefer. Mehrere schiefe Nägel an der Unterseite. Man kann ihn drehen, so dass er höher wird.
Im Haus steht ein Stuhl.
Drauf setzen sollte man sich nicht.
Im Haus steht ein Stuhl.
Darüber eine umweltunfreundliche Glühbirne, die einzige im Raum.
Im Haus steht ein Stuhl.
Genauer gesagt im Kellergeschoss. Vom Zigarettenrauch gelb gefärbte, ehemals weiße Tapeten. Ein kleines Fenster, von dem man die Sonne exakt um 4:35 Uhr im vollen Ausmaß sehen könnte.
Im Kellergeschoss steht ein Stuhl.
Der Mann kommt rein. Blut aus seiner Nase, welche auf das schwarze T-Shirt tropft. Mit einer Schrotflinte in einer Hand, streicht er sein schulterlanges Haar aus dem Gesicht und schießt sich mit der Schrotflinte in den Kopf.
Im Keller steht ein Stuhl.
Ein toter Körper daneben.
In drei Tagen wird der Mann gefunden.
Der Stuhl verkauft. Für 30.000 $.
Im Haus stand ein Stuhl.
Der Stuhl, auf den das Blut von Kurt Cobain tropfte.
 

(Emre E.)



Es fuhr ihr eiskalt durch die Glieder, Wind und Wetter spielten schon seit Tagen verrückt. Nichts, wirklich nichts auf der Welt schien den nahenden Sturm aufhalten zu können. Bis jetzt fiel nur ein leichter Nieselregen, welcher zwar vom Gefühl her unangenehm, aber eben nicht bedrohlich war. Der Wind war stark, aber nicht gefährlich. Jedoch, als sie aus dem Fenster sah, rollte vom Horizont aus eine pechschwarze Wolkenwand auf die Stadt zu. Der Anblick kitzelte leicht die Nerven, wäre wohl auf seine eigene, ganz merkwürdige Weise schön gewesen, aber als sich im nächsten Moment die Fensterläden aus den Angeln lösten und vor ihren Augen zuschlugen, verflog der Gedanke so schnell wie er gekommen war. Erschrocken fuhr sie zurück und wäre beinahe gefallen. Nervenkitzel und der letzte, kleinste Rest an Bewunderung für die Naturgewalten schwanden. Langsam keimte Wut in ihr auf, obwohl dies dem Unwetter nichts ausmachen würde. Sie trat wütend aus der Tür und wurde sogleich um einen Funken ärgerlicher. Die nun mehr als heftigen Windböen rissen bereits an den Pflanzen, hoben das Herbstlaub in die Luft und würden sicher bald damit anfangen, Bäume zu entwurzeln oder zumindest deren Äste abzuknicken. Auch wenn sie eben noch den Anflug von Angst verspürt hatte, so richtete sich ihre Wut jetzt gegen den anrollenden Sturm. So, als würde er ihr nichts anhaben können. Töricht, wo er sie einfach erschlagen konnte. Sie lief zum Fenster und kämpfte gegen den Wind an. Als sie die Fensterläden wieder schloss und verriegelte, hörte sie etwas gefährlich knacken. Hinter dem Haus stand ein Baum, schon immer, so lange sie denken konnte. Sie starrte nun zu diesem Koloss hinauf. Das sonst sanfte Rauschen seiner Blätter war zu einem Pfeifen geworden. Er würde heute auch ein paar Äste verlieren, so schien es ihr, aber umwehen konnte ihn nichts. Ein beruhigender Gedanke genau neben einem Baum zu wohnen, der schon unendlich viele Stürme überstanden haben musste. Fest im Boden verwurzelt und mit einem Stamm von einem Meter Durchmesser, schien er Erfahrung mit solchen Zeiten zu haben. Es machte Mut und der Gedanke ließ sie grinsend ins Haus zurück gehen. Im Türrahmen wandte sie sich noch einmal um und sah dem Sturm ins Gesicht. Sollten die Wolken mit ihrem Regen und dem Wind doch kommen. Und im letzten Moment bevor sie die Tür schloss, sah die schwarze Wolkenwand doch irgendwie, auf ihre ganze eigene, spezielle Weise wieder schön aus.

(Jana B.)


Es war kalt. Er stand da, so allein gelassen von der Welt und zählte die Minuten. Lange konnte es nicht mehr dauern. Er rührte sich nicht, da es so bitter kalt war. Zu allem Überfluss, fing es nun auch noch an zu regnen. Er richtete seinen großen Körper auf, fuhr sich durch seine, vom langsam einsetzenden Regen schon etwas nassen langen Haare, und ging erneut zu der Bushaltestelle, in der der Fahrplan hing. Lang konnte es doch nicht mehr dauern, dachte er sich, als er bemerkte, dass er sich in der Zeit versehen hatte. Mit dem Wissen, noch bis auf den nächsten Morgen warten zu müssen, setzte er sich an den Stamm eines großen Eichbaumes. Der immer stärker werdende Regen prasselte auf ihn herab. Nun saß er da, seine Hände tief verschränkt, zitternd vor Kälte. Er schlief ein.

Als er plötzlich aufwachte, lag er in seinem Bett. Es musste ein Traum gewesen sein, dachte er sich, doch dann bemerkte er, dass er seine pitschnasse Jacke noch trug. Wieso war seine Jacke nass, wenn alles nur ein Traum gewesen war? Wieso träumte er so etwas? Er versuchte, auf all diese Fragen Antworten zu finden. Doch was er fand, war lediglich ein Busticket von gestriger Nacht…

(Fynn W.)

Noch einmal

Ihre Haare reichen bis zu ihren knochigen Schultern und erstrahlen in einem hellen Braunton. Wir sitzen in einem Zimmer. Sie spricht zu mir, doch ich verstehe sie nicht. Alles, was meine Ohren wahrnehmen, sind dumpfe, leise Töne. Ich bitte sie, lauter zu sprechen. Sie ignoriert meine Bitte, erhebt sich aus ihrem Sessel und öffnet das Fenster. Ihre langen, dürren Beine scheinen jeden Moment unter ihrem Oberkörper zusammenzubrechen. Zunächst steht sie dort. Ganz ruhig und leise. Im nächsten Moment dreht sie sich zu mir um, spricht erneut zu mir und egal wie sehr ich flehe und bitte, sie solle deutlicher sprechen, ihre Worte bleiben missverständliche Geräusche. Sie kehrt mir den Rücken zu und hebt ihren dünnen Körper auf die Fensterbank. Ich fange an zu weinen, möchte schreien und aufstehen, zu ihr rennen. Doch keinen Ton bekomme ich heraus, meine Beine sind wie am Boden angewachsen. Meine Mutter steht nun nur noch mit einem Bein im Fensterrahmen. Auch meine kläglichen Versuche bringen nichts. Sie tritt hinaus in die ewige Freiheit. Ich wache auf. Es ist still in meinem Zimmer. Ich schaue auf das Foto meiner Mutter, welches, schon seit ich denken kann, auf meiner Kommode steht und setze mich auf. „Es war nur ein Traum“, flüstere ich mir in Gedanken zu. Ich habe schon oft von ihr geträumt, aber irgendetwas war anders, und noch nie zuvor hatte ich so ein Gefühl wie jetzt. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas zieht mich hinaus auf den Flur. Es ist mitten in der Nacht. Ich schleiche durch den Flur. Die Tür zum Zimmer meines Vaters steht offen. Er schläft seelenruhig in seinem Bett auf der Hälfte des Bettes, auf der er schon immer schlief. Die andere Hälfte ist leer. Korrekt zusammen gefaltete Bettwäsche, so, wie sie es immer wollte. Ich schleiche weiter, entschließe mich, erstmal ein Glas Wasser zu trinken und mich dann wieder schlafen zu legen. Ich gehe an weiteren Türen vorbei, in unserem, wie ich finde, viel zu großem Haus für meinen Vater und mich. Ich bleibe stehen. Plötzlich fällt mir das Zimmer meiner Mutter ins Auge. Ich weiß nicht, warum ich dies tue, doch ich öffne die Tür einen Spalt weit. Schon lange hat niemand dieses Zimmer betreten. Ich bleibe ganz still und atme nur ganz leise. Nun öffne ich die Tür ein weiteres Stück und schaue hinein. Und da steht er, der Sessel meine Mutter. Ich gehe auf ihn zu. Ich erinnere mich an die Zeit zurück. Ich streiche mit einer Hand über die Lehne des Sessels. Das wunderbar alte Holz ist schon etwas morsch. Der Bezug riecht nach ihr. Mutter nannte ihn immer Lesestuhl, weil ich als kleines Kind das Wort Sessel nie richtig aussprechen konnte. Sie konnte sich ebenfalls herzlich darüber lustig machen, dass ich immer nur die Bücher las, die mir auf den ersten Blick sympathisch erschienen. Mutter las mir dann genau die Geschichten vor, auf die dies nicht zutraf, um mir zu zeigen, dass der erste Eindruck nicht immer richtig war. Sie behielt Recht, denn die Geschichten gefielen mir, vor allem, wenn sie sie mit ihrer sanften, beruhigenden Stimme las. Am liebsten hatte ich es, wenn sie in ihrem Sessel saß, ich neben ihr auf dem Boden hockte und ihr angespannt zuhörte. Ich schaue aus dem Fenster in die Nacht hinaus. Der Mond erstrahlt in einem hellen Weiß, und es ist so, als würden die Sterne um die Wette scheinen. Die Welt wirkt so glücklich und perfekt. Doch in diesem Haus ist keiner mehr glücklich, seit meine Mutter ging. Mir laufen dir Tränen herunter. Ich berühre den Sessel noch einmal sanft, streiche noch einmal über den Bezug, genieße noch einmal den Geruch meiner Mutter und bewege mich langsam zur Tür hinaus. Ich weiß nicht, warum ich in das Zimmer zurück gekehrt bin, in dem ich einst glücklich war. Ich verirre mich nicht mehr in die Küche, sondern husche so schnell wie möglich in mein Zimmer zurück. Ich küsse das Bild meiner Mutter, welches schon, seit ich denken kann, auf meiner Kommode steht und lege mich in mein Bett.

(Alexandra W.)


Der Stuhl

Als ich ihn zum ersten Mal sah, wurde er gerade durch die Tür getragen, die diesen noch relativ
kahlen Raum von der Außenwelt trennte. Es war wie ein magischer Moment als er schließlich zu
meiner Linken abgestellt wurde, und als die Möbelpacker gegangen waren, konnte ich ihn endlich etwas genauer betrachten. Obwohl offensichtlich war, dass er gerade erst frisch hergestellt war, hatte er doch etwas Altertümliches, als ob er direkt aus einem mittelalterlichen Adelhaus hierher gebracht worden wäre.
Die Schnitzereien rund um die beiden, matt-schwarzen Sitzpolster schienen eine Sage darzustellen, die sich vom vordersten Rand der Sitzfläche bis hin zum Kopf der Stuhllehne zog. Auch die Stuhlbeine waren von derartigen Darstellungen überzogen und endeten in spiralförmigen Füßen. Die Polster schienen direkt mit dem Holz verwebt zu sein, als ob beides am Baum gewachsen sei.
Der Baum, aus dem dieser Stuhl gemacht war, musste wohl ein Mahagonibaum aus den Tropen
gewesen sein. Der einst so stolze Baum war nun in verschiedenen Möbeln überall auf der Welt zu
finden.
Ich hingegen war als einfacher Küchentisch aus schlichtem Eichenholz gefertigt, eher robust als
filigran gebaut, was allerdings die Familie dazu bewegt hatte, solches Mobiliar zu kombinieren, das weiß der Himmel. Eins hatten wir jedoch gemeinsam, wir waren beide Teil der neuen Einrichtung des Hauses und bis jetzt die einzigen Einrichtungsgegenstände im Raum, vielleicht sogar im ganzen  Haus, was ich jedoch aufgrund meiner fixen Position nicht überprüfen konnte. Da die Familie noch nicht eingezogen war, war es besonders nachts sehr dunkel, jedoch keineswegs kalt. Es war Hochsommer und dadurch durchgehend angenehm warm. Allerdings fühlte ich mich, bevor der Stuhl kam, immer sehr einsam. Von nun an hatte ich jemanden, mit dem ich diese Stille und Dunkelheit teilen konnte – Ich war nicht mehr alleine. Natürlich unterhielten wir uns nicht, wie denn auch? Aber wir waren beide insgeheim froh, nicht alleine sein zu müssen. Natürlich kamen mit der Zeit neue Möbelstücke hinzu, doch verband uns immer etwas Besonderes.
Dies sollte sich ändern, als die Familie einzog, als Leben in die Bude
kam, wie sie so schön zu sagen pflegten. Unsere Beziehung sollte sich an diesem Punkt
grundsätzlich ändern, denn während er die Ehre hatte, den Hausbewohnern eine Sitzgelegenheit zu bieten, wurde mir lediglich die Aufgabe zuteil, den Nahrungsmitteln als Ablagefläche zu dienen.
Während der Stuhl liebevoll mit Leder- und Holzpflegemitteln gesäubert und gepflegt wurde,
wurde ich nach einer jeden Mahlzeit nur einmal flüchtig mit einem feuchten Wischlappen
abgeputzt. Von nun an hegte ich eine regelrechte Abneigung gegen ihn, und ich glaube, dass er sich mir überlegen fühlte.
Die Jahre vergingen. Mit der Zeit ging es dem Stuhl immer schlechter, trotz der liebevollen
Pflege, während es mir immer noch prächtig ging. Prächtig bis auf ein paar Kerben, die mir die
Kinder mit der Zeit zugefügt hatten. Seine liebevollen Schnitzereien begannen zu verschwimmen,
und irgendwann kam der Tag, an dem er abgeholt wurde, von Möbelpackern, die denen, die ihn
hergebracht hatten, sehr ähnlich sahen. Der alte Stuhl, mit dem ich damals so viel durchlebt hatte,
wurde innerhalb weniger Stunden gegen einen hässlichen Stuhl ersetzt. Erst jetzt wurde mir
klar, dass die jahrelange Abneigung völlig sinnlos gewesen war, denn am Ende stand ich sozusagen als Gewinner da.
Nach und nach wurden auch die anderen Stühle durch modernere ersetzt, und mir war klar, dass auch
auch ich eines Tages an der Reihe war. So kam es auch. Ich wurde auf einen Laster gestellt, und während der Fahrt fragte ich mich die ganze Zeit, was nun aus mir werden würde.
Spätestens, als ich eine Verbrennungsanlage erkennen konnte, war mir klar, was nun mit mir geschehen würde. Ich wurde auf ein Förderband gestellt. Zu meiner Überraschung stand dort auch schon der Stuhl. Und während wir den lodernden Flammen immer näher kamen, ließen wir beide noch einmal unser kurzes Leben Revue passieren.
(Tom K.)

 

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal von einem Stuhl erzählen würde, der mir in dieser Einsamkeit, Trauer und Verlassenheit unter die Augen gekommen war.
Ein Besuch bei der Großmutter väterlicherseits stand an, die ich an diesem Tage kennen lernen durfte. Nach dem Treppensteigen zu ihrer Wohnung im ersten Stock, kam mir eine gewaltige Fontaine sauerstoffarmer Luft entgegen, die einen Dunst von vermodertem Holz mit sich brachte. Ihre Wohnung wirkte auf den ersten Blick sehr gepflegt, deshalb dachte ich darüber nach, woher wohl dieser bestialische Gestank kam. Die Begrüßung mit der Großmutter ließ mich kalt, ging an mir vorbei wie eine Windböe, die so schnell verschwand, wie sie auch gekommen war. Mein Interesse galt nur noch dem Gestank. Ich wollte unbedingt wissen, was der Auslöser für den unangenehmen Geruch war. Also machte ich mich auf die Suche.
Aus dem Wohnzimmer ging es zu einem kleinen aber länglichen Flur, der am Ende mit einer kleinen Ausbuchtung verlängert wurde, verdeckt von einer gewaltigen Kommode Hinter ihr stank es. So stark, dass ich es kaum aushielt und meine Nase mit Händen schützen musste. Hinter der Kommode: ein uralter Schaukelstuhl in den alte Schriftzeichen der griechischen Mythologie eingearbeitet waren. Rings herum an den Armlehnen und den Schaukelschienen, ich wusste nicht wie man sie nannte, waren diese Zeichen erkennbar. Es faszinierte mich, dass der Stuhl ausgesprochen klein war.Er hat vielleicht mal einem Kind gehört, dachte ich mir. Er war in miserablem Zustand, deutlich zu spüren am Geruch. Zwei große Löcher in der Rückenlehne ließen die von Spinnenweben überzogene, verschimmelte Wand zum Vorschein kommen.
Es stellte sich mir nur die Frage, aus welchen Grund der Schaukelstuhl so einsam in der Ecke stand, vor allem, weshalb er überhaupt noch existierte? Kleine Kinder hätten sicherlich Spaß mit ihm gehabt, zumindest nach einer ausgiebigen Reinigung, oder wenn man ihn draußen im Wald ausgelüftet hätte.
Dieser unerträgliche Gestank schreckte mich so sehr ab, dass ich einen Schritt zurücktrat, um es besser aushalten zu können, ihn anzustarren.
Ich kam auf die Idee, mir aus der Küche einen anderen Stuhl zu besorgen, den ich unmittelbar vor dem alten Schaukelstuhl positionierte, um ihn weiter in Ruhe zu untersuchen.
Nachdem ich, unter Qualen, meine Nase darüber hielt, stellte sich die leicht grünliche Farbe, die sich über den griechischen Schriftzeichen auf dem Holz gebildet hatte, als die Ursache für den Geruch heraus. Meine Konzentration begann nachzulassen, als der Dunst in meine Richtung zog, um mich förmlich zu vertreiben.
Schließlich trug ich ihn in die Stube zu meiner Familie, die sich schon fragte, wo ich steckte und ließ mir die Geschichte des Schaukelstuhls von meiner mir bis dahin vollkommen unbekannten Oma erzählen…

(Nick F.)

 

Aus edlem Mahagoni in einem Saal so groß und alt, dass selbst der Stuhl die gähnende Leere nicht füllt. Prunkvoll ist er, an Sitz- und Rückenfläche sowie an den Armlehnen mit Polstern versehen, die von goldenen Knöpfen gehalten werden. Auf einem Vorsprung stehend, so dass man jeden Winkel des Saals mit fast peinlicher Leichtigkeit von da erfassen kann.

Darauf war der König immer sehr stolz. Manchmal, nachts, trat er in den Saal. Schritt auf seinen

Thron, so möchte man sagen, zu. Absichtlich langsam und bedächtig, denn er wollte das Echo

seiner Schritte ausklingen lassen, bis die Nacht wieder geheimnisvoll summte.

Bei der Erhebung

ließ er sich besonders Zeit, setzte den wohl geschmückten Fuß auf der Stufe ab, verweilte, und erfreute sich des Anblickes seines Stuhls. Der war, in den Augen des Königs, vor allem im schwachen Mondlicht, fast einschüchternd. Anmutig.

Endlich erklomm der König die Stufe und sein Gewand glitt seidig und reibungslos über den bordeauxfarbenen Teppich. Als er sich schließlich niederließ, genoss er die Schwingungen im Saal. Sein Thron und auf ihm er, der König, schienen das Zentrum dieser Schwingungen zu sein, schienen alles Pulsierende von sich zu geben.

Der Thron war das Herzstück all derer, die ihn besessen hatten. So war es und so ist es noch immer. Die Herren wechseln, doch ihr Stuhl, ihr Thron bleibt.

Auch wenn man ihm seine Geschichte ansieht.Vergilbt sind die bordeauxfarbenen Polster, von hunderten herrschsüchtigen, allzu stolzen Königen. Das Polster an den Armlehnen weist vorn kleine Einkerbungen auf, die vielleicht von nervösen oder leicht erregbaren Herrschern stammen, welche ihre Fingerkuppen verkrampften und so der Nachwelt kleine Denkmale hinterließen. Vielleicht fanden auf ihm auch „Lustspiele“mit etlichen Herrschern und ständig wechselnden- oder auf kuriose Weise verschwindenden- Frauen zu Zeiten des Mondes statt; sind unzählig viele und grausame Worte gefallen; wurde Unverzeihliches getan auf dem Thron, einem simplen, aber edlen Stuhl, dessen Reliefs so prunkvoll wirkten, dass ihre Besitzer sich dadurch mächtig fühlten, Und so lassen sich aus all den Verletzungen dieses einen Stuhls ganze Bücher mit Erzählungen füllen. Und doch ist es nur ein Stuhl, so schön er auch sein mag.

Nun ist er staubig.

 

(Tamar M.)

 

Der Baum

Ich ging im Park spazieren. Alles blühte und die Sonne schien hell. Auf meinem Weg entdeckte ich einen großen Baum mit einer prächtigen Krone. Der Form der Blätter zufolge, musste es sich um einen Ahornbaum handeln, doch ich war mir sicher. Der Baum befand sich neben einem kleinen Bach. Ich näherte mich dem Baum und betrachtete den Stamm. Irgendjemand hatte ein großes Herz hineingeritzt. Im Herzen befanden sich zwei Buchstaben: S+M. Ich umlief den dicken Baumstamm und fragte mich, wie alt der Baum wohl sein mochte?

Ich schaute hinauf. Die Vögel hatten sich Nester auf den Ästen gebaut und zwitscherten eine Melodie. Es war schön schattig und angenehm unter dem Baum: Ich lehnte mich an den Stamm, saß im Grünen, schloss die Augen und genoss den Gesang der Vögel. Ein herrlich frischer und blumiger Duft stieß mir in die Nase und umhüllte mich. Es war der Duft des Frühlings. Die Gewissheit, dass der Frühling erwacht war, löste Freunde in mir aus. Danach kam ich öfter hierher, um ein paar Augenblicke in der freien Natur zu genießen.

 

(Hira A.)


Einen Menschen verstehen lernen

Ich stehe hier in diesem Raum. Eigentlich kennt mich keiner – keine Menschenseele! Allerdings haben sich schon viele mit mir beschäftigt! Denn ich bin ein Stuhl! Ein eigentlich hübscher, jedoch ein abgenutzter und in die Jahre gekommener! Ich will euch etwas über mich erzählen – über mich, mein Leben und meinen größten Traum! Meinem Traum vom Fühlen! Aber erst müsst ihr mehr über mich erfahren und in mir mehr sehen als einen normalen Stuhl. Mein Leben war bisher ziemlich spannend! Am Anfang wurde ich natürlich von meinem Meister hergestellt. Früher war er ein junger Kerl doch – wie soll ich sagen – er ist, genauso wie ich – schon ziemlich in die Jahre gekommen. Er war ein unglücklicher Mann, vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich so bin wie ich bin! Dass ich mich den Menschen widme! Er hat mir viel bei meiner Herstellung erzählt! Gutes und Schlechtes! Viel über sein Leben,  seine Probleme! Er hat mir – einem Stuhl – eine Seele gegeben! Als er mich fertigstellte, hatte ich schon eine Menge über Menschen gelernt, so dass ich anfing, mich für sie zu interessieren und mich mit ihnen zu beschäftigen. Kurze Zeit nach meiner Fertigstellung wurde ich dann in eine Bibliothek verfrachtet! In dieser Bibliothek lernte ich noch mehr über lebendige Wesen. Es gab da zum Beispiel die Wissenshungrigen oder aber die, die nur kamen weil es die Schule befahl. Allerdings gab es auch andere Wesen, wie Schuster und Spinnen. Sie setzten sich auf mich oder nahmen mich als Start- oder Landebahn. Keins von den Wesen, die an mir vorüber liefen, sich auf mich setzten oder aber meine einzigartige Schönheit bestaunten, sah mehr in mir als einen Stuhl! Einen Stuhl ohne Gefühle – ohne Seele! Okay, bei Gefühlen haben sie Recht, hab ich nicht wirklich! Oder nur halb! In meinem langen Leben habe ich mir einfach angewöhnt, den Menschen aus seiner Mimik heraus zu verstehen – zu verstehen, was in ihm vor sich geht! Doch ich hatte nie die Gewissheit, dass meine Annahmen stimmten! Daher mein Traum vom Fühlen! Ja, die Bibliothek war schon ein schöner Ort, doch eines Tages wurde ich von einer etwas schrumpeligen Frau entdeckt und aus der Bibliothek abgeholt. Jetzt steh ich hier in dem Zimmer dieser freundlichen Frau. Dieses Zimmer ist ein ganz Besonderes! Es ist klein und kuschelig. Es hat an drei von vier Wänden jeweils ein Bücherregal. Alle sind prall gefüllt! Außerdem gibt es einen Kamin, in dem gerade, wohlig knisternd, ein Feuer lodert. Es ist schön warm. Ich stehe hier auf einem braunroten Teppich in etwa der Mitte des Zimmers. Vielleicht bin ich ein wenig eitel, aber ich finde, dass ich ein sehr schöner Stuhl bin. Auch wenn ich schon etwas älter bin! Meine Lehne ist in fünf Teile geteilt, die oben und unten jeweils wieder in horizontalen Strängen zusammentreffen. Ich bin aus dunklem Holz, was für eines hat mein Meister allerdings nie erwähnt! Außerdem habe ich vier große, dicke Holzbeine, auf denen eine Holzplatte und ein großes Kissen liegen. Insgesamt kann man sagen, dass ich ein wohl beleibter Stuhl bin, im Gegensatz zu meinem Erschaffer! So, genug mit den Schwärmereien, ich finde, dass der Raum so passt wie er ist! Ich habe einen Traum – wie erwähnt – er handelt vom Fühlen! Viele verschiedene Personen saßen schon auf mir. Wichtiger und unwichtiger! Viele waren meiner Meinung nach glücklich, einige aber auch weniger! Bei manchen konnte man die Gefühle leicht an den Gesichtsausdrücken erkennen, bei manchen weniger leicht! Ich möchte wissen, was genau in den auf mir sitzenden Personen vorgeht´! Deshalb wünsche ich mir die Fähigkeit des Fühlens! Ich will ihre Gesichtsausdrücke nachfühlen können! Ich will die Menschen verstehen lernen!“

(Sarah L.)

 

Seit geraumer Zeit steht er dort, ganz alleine auf der Wiese. Der Baum ist groß, kräftig und voller Leben. Oft sitzen Eichhörnchen auf seinen Ästen und Vögel bauen ihre Nester. Seine Äste sind so stark, dass oft auch Kinder auf ihm klettern. Sein dicker Stamm sieht aus, als könne er alles aushalten. Doch seine grünen Blätter wehen im Wind. Ein alter Mann geht vorbei und lauscht dem Wind, der die Blätter rascheln lässt. Täglich kommen Leute vorbei, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Es sieht aus, als wäre er voller Leben, als wäre er niemals allein. Aber er ist der einzige seiner Art, der einzige Baum, der auf dieser Wiese steht. Vielleicht ist er einsam, auch wenn es nicht so aussieht. Niemand kann es wissen. Er kann es niemandem sagen. Er ist nur ein Baum. Ein starker Baum, der alles auszuhalten scheint. Aber wenn man genauer hinsieht, verschwinden die Eichhörnchen, wenn es dunkel wird. Die Kinder gehen nach Hause, die Vögel geben Ruhe. Dann ist nur noch er da und der Wind, sein ständiger Begleiter,der weiterhin durch seine Blätter weht. Doch niemand kann das Rascheln seiner Blätter hören. Und wenn es wieder Tag wird, beginnt alles von vorn. Die Eichhörnchen und die Kinder kehren zurück. Die Vögel werden wach und der alte Mann geht wieder spazieren. Aber ist er dann nicht allein? Wird er von ihnen vielleicht nur benutzt, weil er sich nicht wehren kann? Man weiß es nicht. Niemand kann es wissen. Er ist nur ein Baum.

(Alina R.)

 

Er ist schon sehr alt und brüchig. Die Beine bestehen aus altem Holz, welches an einigen Stellen Löcher vorweist, und nicht sehr stabil erscheint. Der Sitz dieses Stuhls, auf dem schon viele Menschen saßen, ist nicht weich. Er ist aber auch nicht sehr hart, man könnte ihn, aufgrund seines Alters, als „durchgesessen“ beschreiben. Die Rückenlehne besteht aus zwei senkrechten Holzstäben, die in der Mitte ein rundes Rückenpolster umschließen. Es ist gerade mal so groß, dass es genau in diese Stäbe passt. Das Braun dieses Stuhlmodells ist gesättigt, doch die Farbe verblasst während der Jahre. Außerdem sieht man bei genauem Betrachten ein paar schwarze Macken, die das Alter dieses Stuhls unterstreichen. Dieser Stuhl erzählt viele Geschichten. Er steht in der alten Kneipe, rechts die Straße entlang. In dieser Kneipe, die zu den Abendstunden ihre Türen öffnet, treffen sich viele unterschiedliche Menschengruppen. Unter der Woche ist sie Treffpunkt für ältere Männer, die von ihren Frauen verlassen wurden und sich jetzt mit anderen Männern Fußballspiele angucken und grölen, wenn der Lieblingsverein ein Tor schießt. Am Wochenende ist die beliebte Kneipe Ziel von Jugendlichen, die sich über die neuesten Ereignisse austauschen. Die alte Kneipe zeichnet sich durch ihre brüchige, aber dennoch stilvolle Einrichtung aus, zu der auch der genannte Stuhl gehört. Er ist kein Einzelstück, einer von vielen, aber dennoch trägt er etwas Besonderes, seine eigene Geschichte.

(Lea R.)

 

Beschreibung einer Seelandschaft aus der Sicht eines Baumes

Ich bin groß, mit braunem Stamm und saftig grünen Blättern. Ich stehe mitten in einer Seelandschaft. Durch meine Äste scheint die helle, warme Sonne. Meine Blätter wehen im kühlen Wind. Das Gras um mich ist nass, denn es hat geregnet. Der Regenbogen erscheint in all seinen prächtigen Farben. Der See glitzert und schimmert, der Himmel ist nahezu purpurfarben von der bald unter gehenden Sonne. Auch die wenigen Wolken, die am Himmel zu sehen sind, scheinen orange-rot. Am Horizont ein Boot, das langsam ans Ufer tritt. Auf der anderen Seite des Sees ist ein Wald zu sehen, der von hier aus jedoch wie eine Bergreihe aussieht. Aus den Bäumen fliegt eine Vogelschar mit lautem, jedoch angenehmem Zwitschern…

…Langsam geht die Sonne unter. Das Gras ist trocken, der Regenbogen verschwunden. Der Himmel ist schwarz, seine Sterne golden. Der Mond scheint auf den See. Er ist still. Das Boot hat angelegt.

Und ich. Ich bin hier und genieße diese unberührte Natur.

(© Lisa K.)

 

Seit Jahren steht er schon da. Hinter ihm das große Fenster mit den langen Gardinen. Er sieht schlank und zugleich stabil aus. Weich und gleichzeitig hart. Beine und Lehne haben einen sanften, rotbräunlichen Ton. Das Polster ist blau.

Fest steht er dort, Tag und Nacht. Er ist ein schöner Stuhl. Ein zeitloser Stuhl. Er weiß nicht, wie lange er dort schon steht. Mal scheint das Licht durch das Fenster, mal ist es finster. Er wird zurückgezogen und rangeschoben. Manchmal wird er nicht beachtet. Dann steht er da und nimmt es keinem übel. Er ist ein gutmütiger Stuhl. Ein liebenswerter Stuhl.

Er sieht die Kinder aufwachsen. Erst sind sie Kleinkinder, die sich an ihm hochziehen. Später schaffen sie es ohne Mühe, sich auf ihn zu setzen. Plötzlich sind sie aus dem Haus und er ist immer noch da. Aber er trauert ihnen nicht nach. Er behält sie als schöne Erinnerungen, so wie er die Kratzer der Zeit im Holz behält.

Auch die Eltern werden älter. Sie nutzen ihn nicht mehr oft, aber wenn sie es tun, wartet er nur auf sie. Er tut seinen Dienst. Er folgt seiner Bestimmung.

Bald ist er ein alter Stuhl. Ein alter, müder Stuhl. Ein glücklicher Stuhl, der ein erfülltes Leben hatte. Und wenn er irgendwann nicht mehr ist, wird seine Familie um ihn trauern, denn er war ein guter Stuhl, der sie ihr Leben lang begleitet hat. Er war ein schöner Stuhl. Ein wunderbarer Stuhl. Der Stuhl.

(Von Alex S.)

 

Ich komme gerne zu dem Ort. Hierher, zu dem Ort, wo ich oft mit meinen Eltern gewesen bin. Hier, zu dem Ort, wo unsere Bäume stehen. Die Bäume, die zum Symbol unserer Familie wurden. Damals, als wir hier die sonnigen Nachmittage zusammen verbrachten und uns die drei Bäume immer wieder ins Auge fielen, beschlossen wir, sie zum Symbol unserer Familie zu ernennen. Nebeneinander, in einer Reihe stehen wir. Ganz links, der Größte von allen, das ist Dad. Gleich neben ihm Mum. Und ganz außen, der kleinste, das bin ich. Hier an diesem Ort ist unsere Familie noch heil, nicht auseinander gebrochen, wie in der Realität. In der Realität sind wir uns nicht mehr so nahe. An einem regnerischen Sonntag wurde ich plötzlich von Gepolter und Gebrüll geweckt. Als ich hinunter, Richtung Küche schlich, sah ich durch den Türspalt Teller durch die Gegend fliegen. Ein lautes Wortgefecht zwischen Mum und Dad konnte ich hören. „Ich schmeiß dich raus“, hörte ich plötzlich Mum schreien. Geschockt riss ich meine Jacke vom Haken und rannte aus dem Haus. Während Tränen über mein Gesicht flossen, rannte ich immer weiter davon. Meine heile Welt wurde soeben zerstört. Ich gehe nie mehr zurück, dachte ich mir.  

(Marina M.)

 

Der Sessel stand vor einem Fenster. Die Farben außerhalb des Raumes spiegelten sich in seinen Armlehnen wider. Er bestand aus matt glänzendem, roten Leder und man konnte sein Alter nur schwer schätzen. Er hatte einen gewissen altmodischen Charme, doch er sah nicht benutzt aus, keine abgewetzten Stellen, keine Löcher im Bezug. Er konnte alt und kaum benutzt, aber auch einfach neu sein.
Bequem sah er aus. Die Sitzfläche und die Lehne wirkten gut gepolstert und weich, und die Armlehnen luden dazu ein, es sich gemütlich zu machen.
Wer wohl schon alles auf ihm Platz genommen hatte? Vielleicht Politiker, Preisträger oder andere Prominente. Vielleicht hatten auf ihm auch ganz gewöhnliche Menschen gesessen. Vielleicht auch kaum jemand.
Besonders auffällig war ein Rechteck, ein kleines Metallschild mit noch kleineren Buchstaben darauf, zu winzig, um sie lesen zu können. Es konnte ein Hinweis zur Pflege sein, eine Liste der Leute, die je auf ihm gesessen hatten oder auch einfach ein Werbeschild des Herstellers. Könnte man es nur lesen, vielleicht stünde dort etwas Interessantes geschrieben!
Um den Sessel herum wirkten die Wände trist und uninteressant. Dadurch war der rote Ledersessel eine willkommene Abwechslung zu dem sonst so farblosen Raum.
(Philipp R.)


Es ist Herbst, nicht allzu warm und ich bin draußen. Ich gehe mit meiner besten Freundin spazieren und komme an einem mir sehr bekannten Ort vorbei. Dort stehen eine Bank, ein Baum, einige Büsche. Der Boden ist mit Gras bedeckt. Ein wenig weiter weg sieht man einen kleinen Bach, an dessen Ufer Sträucher und Blumen wachsen.
Diesen Ort verbinde ich mit Erinnerungen. Erinnerungen, die ich liebe, aber auch vermeide, da ich sonst Tränen vergießen muss. Meine Freundin sieht, dass ich anfange, über diese Zeit nachzudenken und nimmt mich an die Hand. Wir gehen hinüber und ich setze mich an den Baum. Sie setzt sich auf die Bank, genau daneben. An diesem Baum saß ich oft, denke ich und lächle. Sie sieht das Lächeln, aber sie weiß, dass ich innerlich zerrissen bin. Dieser Baum ist wie jeder andere auch. Er ist groß, hat einen Stamm und grüne Blatter. Unter ihm liegen Kastanien und Blätter. Ich nehme ein Blatt in die Hand und streiche darüber. Es fühlt sich rau und trocken an. Es sind fünf Blätter, die in der Mitte zu einem großen Blatt zusammen gewachsen sind. Während ich mit dem Blatt in der Hand herumfuchtele, bin ich weiter in Gedanken. Was macht diesen Baum so besonders? Für Andere ist es nur ein normaler Baum, aber für mich, ist er etwas Besonderes. Ich schließe die Augen. Vor einiger Zeit war ich oft hier, mit einer Person, die ich sehr liebe und selbst jetzt, nach einigen Monaten der Trennung, nicht vergessen kann. Genau wie jetzt saß ich hier, mit dieser Person neben mir. Mit dem Kopf lag ich auf seinem Schoß und hielt in einer Hand eine Kastanie, mit der anderen hielt ich seine Hand fest, aus Angst, ihn zu verlieren. Angst, die sich als berechtigt erwies. Ich schaute ihn an und musste dabei verlegen lächeln, damals wie auch jetzt. Da ich ihm noch nie lange in die Augen schauen konnte, wendete ich meinen Blick ab, als er mich ebenfalls anschaute. Mein Blick schweifte nach oben, den Baum hinauf. Als ich so schaute, beschloss ich, dass dieser Baum eine größere Rolle für mich spielen sollte. Ab jetzt sollte es nicht mehr nur ein Baum, sondern der Baum sein. Der Baum, der mich an diesen und andere glückliche Tage mit ihm erinnerte, wenn ich hier sein würde. Und jetzt sitze ich hier, an diesem Baum, erinnere mich an ihn, und diese Erinnerungen schmerzen. Aber zum Glück bin ich nicht allein. Ich öffne die Augen und merke, dass Tränen über mein Gesicht laufen, die sie wegwischt, meine beste Freundin. Dankend schaue ich sie an, sie lächelt. Ich lehne mich an ihre Schulter und bin wieder in Gedanken.

(Nieura S.)

 

Die Idylle

Auf einer saftig grünen Wiese steht ein riesengroßer Baum. Der Wind weht durch seine Blätter. Steht man darunter, könnte man meinen, die Blätter des Baumes erzählen uns Geschichten, aber schreien tun sie nicht, sie flüstern, nuscheln oder rascheln eher. Doch man hört noch, wie ein kleines fuchsrotes Eichhörnchen über die Äste und Zweige turnt, auf der Suche nach schmackhaften Haselnüssen.

Bei jedem Sprung des Eichhörnchens verbiegen sich die Äste erst ganz nach unten. Und wenn das Eichhörnchen dann abspringt schnellen die Äste in einer ungeheuerlichen Schnelligkeit, fast in Lichtgeschwindigkeit zurück, wobei sich ein paar lose Blätter von den Ästen lösen und gemächlich zu Boden gleiten. Hin und her gleitet das Blatt, ein paar Tropfen Tau fallen davon herab und landen im Gras. Unter dem großen Blätterdach des Baumes, auf der weichen, aber durch den Tau leicht durchnässten Wiese, liegt ein kleiner Hund mit struppigen, trotzdem weichem Fell, kleinen Ohren und Knopfaugen. Er schläft seelenruhig bis plötzlich ein Tautropfen auf dem kleinen Köpfchen des Hundes landet und sich verteilt. Kurz fängt der Hund an zu bellen, reißt die Augen auf und schaut sich um, doch rundherum ist nichts außer ihm, dem Baum und die weite grüne Wiese. In der Ferne geht die Sonne langsam unter. Der kleine Hund schaut jetzt auch nach oben in die Äste und Blättervielfalt des Baumes und entdeckt das junge Eichhörnchen, welches zu ihm hinunter blickt und tapsig den Baum hinunter klettert, um das fremde Lebewesen zu beäugen. Doch der kleine Hund bellt es an, und das Hörnchen schreckt etwas zurück. Der Hund hört auf zu bellen und reckt die Schnauze, um es zu beschnuppern. Das Hörnchen nähert sich langsam wieder und lässt sich auf den Rücken des Hundes fallen. Der Hund erschrickt und schüttelt sich , doch das Hörnchen hält sich ganz fest und beißt dem Hund ins Ohr. Der Hund jault laut auf und schnappt nach dem Eichhörnchen, doch es ist schon längst auf dem Baum verschwunden. Der Hund versucht auf den Baum zu klettern, er schafft es nicht und fällt immer wieder herunter. Das Eichhörnchen macht ein keckerndes Geräusch, es hört sich an wie ein fieses Lachen. Der Hund versucht es immer wieder und gibt nach einiger Zeit auf, läuft  noch ein wenig um den Baum herum bis er sich, müde von den Versuchen, den Baum hochzuklettern, hinlegt. Aber er sollte keine Ruhe finden. Oben im Baum sammelt das Eichhörnchen alle Nüsse auf einem Ast über dem Kopf des Hundes zusammen, die es finden kann. Der Hund schnarcht leise und bekommt nichts von dem Treiben im Blätterdach mit . Mittlerweile hat das Hörnchen bestimmt fast 50 Nüsse gefunden, macht sich bereit und schiebt langsam die erste Nuss hinunter. Wenige Sekunden später landet sie auf dem Kopf des Hundes, der sich verwirrt umblickt und sofort wieder einschläft. Das Eichhörnchen gibt nicht auf und wirft eine Nuss nach der anderen den Ast hinunter immer direkt auf den Kopf des kleinen Hundes. Dieser lässt sich jedoch nicht beirren und schläft weiter. Das Eichhörnchen, das schon durch das Nüssewerfen schon ziemlich erschöpft ist, nimmt kurzerhand den Rest der Nüsse und lässt sie gleichzeitig auf den Kopf des Hundes prasseln. Dieser wacht, knurrt und bellt zum  Eichhörnchen hinauf, wütend wie noch nie zuvor. Das Eichhörnchen macht wieder das keckernde Geräusch, da der Hund es eh nicht schafft, auf den Baum zu kommen. So wird der Geräuschpegel immer lauter und lauter bis auf einmal beide verstummen und verängstigt in die Ferne blicken, wo sie eine riesige Gestalt erblicken, die auf sie zugeschritten kommt. Die beiden rühren sich nicht einen Zentimeter. Ein großer Hirsch steht vor ihnen. Er reckt das Geweih bis in die Äste des Baumes, hebt das Eichhörnchen herunter und setzt es auf dem Kopf des Hundes ab. Die beiden Tierchen schauen den Hirsch mit murmelgroßen Kulleraugen an, bis dieser langsam zu sprechen beginnt:“ Was macht ihr beiden denn für einen Aufstand? Könnt ihr euch nicht einfach in Ruhe lassen? Toto, was machst du überhaupt hier?“ fragt er den kleinen Hund. Der Hund antwortet langsam mit zittriger Stimme:“ Ich bin soviel gelaufen, da ich mein Rudel verloren habe, ich war müde, da habe ich mich unter diesen Baum gelegt.“ „Und du Sydney, was machst du hier?“ fragt der Hirsch das Eichhörnchen.“Entschuldige bitte, aber ich lebe hier in diesem Baum, seit ich geboren bin, meine Familie ist nur eines Tages abgehauen. Sie haben mich hier zurückgelassen. Das ist mein Baum und hier hat diese Flohschleuder nichts zu suchen!“ empört sich das Eichhörnchen. Der Hirsch hat sich nun beide Meinungen angehört und kommt zu einem Entschluss. „ Ihr beide werdet euch nun die Pfoten reichen und euch beieinander entschuldigen, ist das klar?“ Der Hirsch schaut die beiden mit einem drohendem Blick an. „Glasklar, werter Herr Hirsch!“ antworten beide im Chor.“Dann ist es ja gut. Also, Sydney, das hier ist wohl dein Baum und das wird er auch bleiben, doch Toto hier hat deinem Baum nichts getan, also brauchst du ihn nicht so zu beschimpfen, denn deine Familie ist auch nicht mehr hier. Ich werde Toto jetzt helfen, sein Rudel wiederzufinden damit du deine Ruhe hast. Ist das in Ordnung?“ Das Eichhörnchen antwortet langsam:“ Das wäre auch in Ordnung, aber der Hund könnte auch hier bei mir bleiben und mir Gesellschaft leisten, falls er das möchte.“ Toto schaut zu Sydney und nickt“ Das will ich machen., antwortet er und sagt zum Hirsch:“ Danke, werter Herr Hirsch, das du mir helfen wolltest, mein Rudel wiederzufinden, doch ich habe mein Rudel schon gefunden.“ „Gut“, sagt der Hirsch, „lebt wohl ihr beiden.“ Und der Hirsch schreitet von dannen in die weite Ferne der grünen Wiese.

(Daniela G.)

Der Baum
Ein großer Baum steht mitten auf einer Wiese. Er hat sehr viele und große Blätter in prächtigem Grün. Die Sonne scheint und der Himmel trägt ein schönes Blau. Wenige weiße Wolken schmücken ihn. Ein kleines Eichhörnchen sitzt auf dem hohen Baum und nagt an der Erdnuss, die es gerade gefunden hat. Ein junger Mann hat sich im Schatten der Krone niedergelassen und ist kurz davor, seinem Hund einen Stock zuzuwerfen. Der läuft zufrieden in der Sonne herum. Es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Viele Blumen sieht man, in den unterschiedlichsten Farben und Arten im Gras versteckt. Viele Blumen, doch nur ein einziger Baum. Ein alter und einsamer Baum, jedoch ein besonderer und interessanter, denn so große Blätter hat sonst keiner. Auch die Farbe der Blätter scheint anders zu sein. Es ist kein gewöhnliches Grün. Es ist ein sehr dunkles Grün, in dem man meint, versinken zu können. Die Blattadern sind jedoch sehr hell und schnell erkennbar. Würde man ihn aus der Ferne betrachten, würde man sagen, seine Äste reichen bis hoch in den Himmel.

Valle K.