Roman Graf: Lesung

 Literatur mit Schweizer Akzent

IMG_5503.jpg10:40 Uhr – Die ersten SchülerInnen betreten die Räumlichkeiten der ÖVB. Insgesamt sind wieder drei Schulen vertreten:Diesmal das Schulzentrum Obervieland, das Schulzentrum Walle und das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium aus Huchting. Alle sind sie da, um, im üblichen Ambiente der ÖVB mit ordentlichem Buffet, dem diesjährigen Förderpreisträger des Bremer Literaturpreises Roman Graf erst zu lauschen und ihn dann auszufragen.

11:00 Uhr – Nach begrüßenden Worten von Seiten der ÖVB und der Stadtbibliothek, tritt er zum Lesetisch.

Sehr ruhig und gelassen, die Haare hinter den Ohren, einen weißen Rolli unterm Jackett, ein Bein über das andere geschlagen, schenkt Roman Graf sich als erstes Wasser ein. Danach beginnt er zu lesen, ein Kapitel, das er noch nie vor Publikum gelesen habe, wie er erklärt:

„Der Weg zum Friedhof“ aus dem preisgekrönten Buch „Herr Blanc“. Trocken, mit gezielt gesetzten Betonungen, liest Graf knapp 40 Minuten und hält eine knisternde IMG_5507.jpgSpannung in der Luft, die bis zur letzten Seite anhält.

 

 Nach dem Vorlesen, lehnt er sich zurück, wechselt das übergeschlagene Bein, legt die Hände ineinander und eröffnet sich den Fragen der Schüler und Schülerinnen.

Leichte Scheu im Publikum. Roman Graf nimmt es gelassen und erzählt als erstes Generelles zum Buch, beschreibt seine Ideen und Vorgehensweisen. Herr Blanc ist ein Charakter „an dem man sich reiben soll“, Literatur solle etwas mit einem machen, da bringe es nichts, wenn sie runter gehe wie Öl.

Kaum hat Graf den ersten Anstoß gegeben, läuft der Dialog zwischen Autor und SchülerInnen reibungslos. Das „Warum?“ folgt.

IMG_5508.jpgEs gehe darum, so Graf, in seinem Buch einen Menschen zu erschaffen, keinen Typus, sondern eine ehrliche Figur mit Widersprüchen, wie sie jeder Mensch habe.

Das ganze Buch arbeite mit gezielten Kontroversen, Widersprüchen und „Reibungen“, denn genau diese machten es so authentisch. Zumindest das vorgelesen Kapitel verlaufe auf zwei Ebenen: Einer tragischen und einer mit kindlichem Leitmotiv, in Form von Schokolade.

Dies führt zu verschachtelten Sätzen und Gegenüberstellungen, komplexen und springenden Gedankengängen, die die Aufmerksamkeit zweifellos auf ihre Seite ziehen, sagt Graf.

Auch auf die Frage zum Zusammenhang zwischen Autor und Protagonist antwortet Graf entspannt, dass es unmöglich sei, sich nicht selber in seinen Figuren darzustellen. Vielmehr besitze jede Figur im Buch Seiten von ihm und fiktive, die frauenfeindliche gehöre zu letzteren, wie er schnell klarstellt. Daher könne man auch nicht einfach eine Figur eins zu eins auf ihn übertragen.

Begonnen hat er das Buch, indem er einfach Sätze, die er im Kopf hatte, hinschrieb. Schon hier, so Graf, habe er gewusst, wie Herr Blanc sei. Nicht unbedingt wie er aussehe, das wisse er immer noch nicht so genau, aber sicher, wie er sei. „Er ist immer alt“ sagt Graf. Er empfinde es als schwer, eine Figur, die im selben Alter wie er selbst sei, darzustellen.

Nach einem weiteren dreiviertel Jahr, voll von Gedanken, Überlegungen, aber auch gewollter Offenheit gegenüber äußerlichen Einflüssen, hat er die Arbeit am Roman wieder aufgenommen und bis zum Schluss weitergeschrieben. „Wenn man nach der Inspiration sucht, gelingt nichts“, behauptet Graf. Vielmehr seien es Impulse, durch die man sich irgendwann in der Materie auskenne. Wenn er allerdings eine konkrete, literarische Quelle der Inspiration nennen solle, dann sei diese „Pnin“ von Nabokov.

IMG_5506.jpgRoman Graf hat literarisches Schreiben in Leipzig studiert. An die Techniken allerdings, die er dort gelernt hat, hat er bei „Herr Blanc“ nicht mehr gedacht. „Die muss man einfach in sich aufgenommen haben“, sagt er.

Graf erinnert sich noch an seinen ersten Aufsatz, den er mit sieben oder acht Jahren, so genau wusste er das auch nicht mehr, geschrieben hat. Deshalb, weil er sich schon immer, seit er klein war, gerne durchs Schreiben ausgedrückt hat. Das Lesen sei später gekommen, aber immer wieder habe er einfach „Sätze im Kopf“ gehabt. Ein „schleichender Prozess“ wie er sagt. Erst mit 20, nach einer abgeschlossenen Lehre als Forstwart, hat er entschieden, Schriftsteller zu werden. Da sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen:

„Schreiben war schon immer da.“

Lesung am 27.1.2010 im Konferenzraum der ÖVB in der Martinistraße

(Fabian Othmerding)

 

Hier alle Fotos von der Lesung:

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