Roman Graf: Interview

IMG_5527.jpgHerr Graf, Sie wurden vergangenen Montag mit dem Bremer Förderpreis zum Literaturpreis ausgezeichnet. Haben Sie einen so großen Erfolg Ihres Debütromans Herr Blanc erwartet?

Nein, überhaupt nicht. Also, ich wusste, dass ich nominiert war, aber ich habe es überhaupt nicht erwartet.

Und wie war die Reaktion in Ihrem Umfeld auf diesen Erfolg?

Ja, die haben sich alle gefreut. Ich mich natürlich auch. Es ist immer so eine Sache mit diesen Preisen, da ist sicherlich auch immer Glück dabei. Man weiß glücklicher Weise nicht, wie diese Entscheidungen zustande kommen. Man kriegt nur plötzlich einen, und dann hat man ihn. Das ist schön. Es ist, als würde man im Lotto gewinnen. Wenn man gewinnen will, kriegt man es natürlich nicht. Dann kriegt man doch etwas und ist erst mal erstaunt. Am Tag danach weiß man dann, dass es wirklich so ist. Eine Woche darauf hat man sich dann fast schon daran gewöhnt (Graf lacht) und weiß, dass man nun Millionär ist.

Sie haben während der Workshops gesagt, dass es wichtig sei, Kritik anzunehmen. Hatten Sie Personen in Ihrem Umfeld, die Sie beim Schreiben Ihres Romans beraten haben?

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Ja, ich habe ja am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Nach dem ich den Roman fertig geschrieben hatte, habe ich mich an einige Freunde gewandt, die ich noch vom Literaturinstitut kannte. Bei denen wusste ich auch, dass sie gut sind und ich mich auf ihre Kritik verlassen kann, weshalb ich ihnen den Roman gegeben habe.

Sie haben zunächst eine Lehre als Forstwart gemacht. Was hat Sie dazu veranlasst, diese zu machen?

Meine Schulzeit war nicht sehr schön, da sie von sehr viel Zwängen geprägt war. Dabei bin ich ein Mensch, der eigentlich sehr gerne lernt. Ich mag es nur nicht, wenn ich Dinge lernen muss, die ich gar nicht lernen will. Und dann wollte ich einfach etwas ganz anderes machen. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass die Forstwirtschaft nicht das Richtige für mich ist. Ich habe die Lehre dann nach drei Jahren abgeschlossen. Ich habe mich nie diesem Beruf verbunden gefühlt und immer gewusst, dass ich etwas Anderes machen möchte. Dann habe ich zunächst mit behinderten Kindern gearbeitet und gedacht, dass ich etwas in diese Richtung machen würde. Aber das war es dann auch nicht. Danach bin ich in den Journalismus hinein gerutscht und dann habe ich gewusst, dass ich Literatur schreiben möchte. Nachdem ich meinen Job in einer Redaktion gekündigt habe, bin ich nach Leipzig gekommen.

Herr Graf, Sie schaffen in Ihrem Roman Herr Blanc einen eher unkonventionellen Hauptcharakter. Was hat Sie dazu inspiriert?

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Auf jeden Fall nichts Äußeres. Ich denke, so etwas entsteht im Inneren. Es ist nicht so, dass ich auf die Suche nach einem Thema oder einem Charakter gehe, so funktioniert das nicht. Es muss sich um etwas handeln, was man eigentlich schon kennt. Vielleicht Dinge, die man verdrängt oder derer man sich gar nicht mehr bewusst ist. Ich hatte einfach diesen Schreibfluss und plötzlich war das erste Kapitel geschrieben. Zuerst dachte ich, dass es bei diesem bleiben würde. Doch im Nachhinein habe ich gemerkt, dass es noch weitere Situationen aus dem Leben des Herrn Blanc gibt, über die ich schreiben könnte. Richtig angefangen habe ich dann erst neun Monate später.

Und entspricht Herr Blanc einer Personen aus Ihrem realen Leben?

Naja, ich denke, dass jede Person, welche man schafft, auch etwas von einem selbst in sich trägt. Sonst ginge es ja auch nicht. Das bedeutet aber nicht, dass man von dem Rollencharakter auf den Verfasser schließen kann. Der Verfasser ist nämlich alles. Das heißt in mir steckt genauso viel von der Vreni wie von der Heike. Von allen Figuren, von denen ich auch welche in anderen Texten geschaffen habe, steckt etwas in mir. Aber sie enthalten ebenfalls viele Dinge, die ich beispielsweise von meiner Familie her kenne oder auch kleinere Dinge, welche ich beobachtet habe. Natürlich spielt man mit diesen Eindrücken. Man kann Dinge übertreiben oder eben untertreiben, man formt es. Ich denke schon, dass man den Charakter, welchen man schafft, auch gelebt haben muss. Dennoch bin ich ganz und gar nicht wie Herr Blanc. So habe ich gestern gelesen, dass er wie ein Frauenhasser rüberkäme, was er aber definitiv nicht ist. Er ist einfach nur sehr verzweifelt und drückt seine Verzweiflung durch sein Verhalten bzw. seinem Denken aus.

Sie haben in der Lesung gestern erwähnt, dass Herr Blanc im Laufe des Romans stärker wird, ohne sich dabei zu verändern. Wie genau haben Sie das gemeint?

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Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit ist, dass eine Figur eine Entwicklung durchmacht und am Ende des Romans eine andere Person ist, als am Anfang. Das ist zwar das, was viele lesen wollen, aber ich finde dies sehr unglaubwürdig. Weil das Leben nun mal nicht so ist. Natürlich macht man Entwicklungen durch, aber die meisten Menschen bleiben ja im Grunde so, wie sie schon immer waren. Es wäre wahrscheinlich sehr unglaubwürdig gewesen, wenn jetzt so eine Person wie Herr Blanc am Ende eine ganz andere gewesen wäre. Trotzdem wollte ich, dass er souveräner wird, denn dass musste er werden. So hält er zum Beispiel an seinen Prinzipien fest, die zu Anfang vielleicht lächerlich erscheinen. Aber das Umfeld, in welchem er lebt, verändert sich. Am Ende bleiben also nur noch seine Prinzipien und er. Das ist das Konstante. Plötzlich wirkt das Umfeld lächerlich und Herr Blanc wirkt souveräner und wird somit auch ernster genommen.

Herr Graf, vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Gespräch führten Vanessa Guinan-Bank, Marika Gonther und Nadia de Vries am 28.1. 2010 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Vanessa Guinan-Bank, Marika Gonther und Nadia de Vries