Roman Graf: Workshop

Workshop mit Roman Graf am 28.1.2010: Tipps und Tricks für angehende Schriftsteller

Roman Graf, der Schweizer Förderpreisträger des Bremer Literaturpreises 2010, begann den Workshop mit einer Einführung ins Schreiben. Er gab den Schülerinnen und Schülern des Schulzentrums Obervieland und der Alexander-von-Humboldt-Schule viele hilfreiche Tipps für ihre zukünftige literarische Betätigung.IMG_5517.jpg Graf ging dabei auch auf die Problematik des schulischen Umgangs mit Literatur ein. „Schüler werden sozusagen gezwungen zu lesen oder zu schreiben, obwohl Autoren meist der Meinung sind, man sollte ihre Bücher aus Interesse und aus Lust, sich mit ihnen auseinander zu setzen, lesen.“ Allerdings betont der Schriftsteller auch, dass Literatur aus Literatur entstehe, Lesen folglich wichtig sei, um den richtigen Umgang mit Sprache zu lernen.

IMG_5532.jpgDaraufhin geht Graf genauer auf die Grundlagen des Erzählens ein. Es gebe auf der einen Seite, die Art des Schreibens, die von vergangenen Geschehnissen berichtet : zeitlich zurückgehend. Auf der anderen Seite gebe es die Art, die vom „Reisen“berichtet, das heißt: auf eine Weise in den Raum hinausgehend.

Nun habe man eigentlich alles, um einen Roman zu schreiben. Die eigenen Erfahrungen können als Grundstein der Geschichte dienen. Dabei sei nicht wichtig, ob man schon ein langes Leben hinter sich habe oder nicht, es muss nur entschieden werden, was genau in den Roman eingebracht wird.

IMG_5530.jpgDer Schriftsteller werde hier sozusagen zum „Gott“, so Graf, der schreibend das Chaos, das er vorfinde, ordne, aus den vielen Einzelheiten seiner eigenen Welt, einen Roman erschaffe. Hierbei gelte das Prinzip der Kausalität, denn das, was der Autor erschaffe, müsse natürlich einen Sinn ergeben. Der Leser soll in eine Welt einsteigen, die nicht in sich zusammenbrechen kann. Das einmal Geordnete entwickele dabei in der Form ein Eigenleben. Einmal erschaffen, wachse der Roman nach seinen eigenen Gesetzen.

Ein weiterer, wichtiger Aspekt für einen Schriftsteller, sei es, Kritik annehmen zu können. Niemand könne jemandem, der künstlerisch tätig ist, vorschreiben, was zu tun sei. Trotz dieser Freiheit und der persönlichen Bindung an eigene Werke, solle man für konstruktive Kritik offen sein. Sie ist wichtig für die künstlerische Weiterentwicklung, so Graf.

Da man in einem Text oder einem Roman eine Welt erschaffe, ist es, laut Roman Graf, vor allem wichtig zu beschreiben. Statt schlichtweg zu behaupten, wie sich eine Person fühlt, entstehe eine viel größere Wirkung, wenn eine Handlung beschrieben werde, die dieses Gefühl widerspiegelt.

IMG_5522.jpgAus diesem Grund lautete die Aufgabenstellung an diesem Morgen für die Schüler und Schülerinnen folgendermaßen:

Sie sollten entweder einen Stuhl, einen Baum, eine Person, die sich in einer bestimmten Situation befindet, beschreiben oder eine kurze Geschichte erzählen. Hierbei sei wichtig, zu versuchen, mit wenig Handlung und genauer Beschreibung durch den Gegenstand oder durch die Person etwas darzustellen. Außerdem solle die Erzählperspektive bewusst gewählt werden. Auktoriale, personale oder Ich-Perspektive, alle drei haben Auswirkungen auf das Erzählte und die Nähe oder Distanz zum Text.

IMG_5534.jpgNach zwanzig Minuten Schreibezeit wurden zwei Erzählungen mit dem gleichen Thema vorgelesen und daraufhin verglichen.

IMG_5538.jpgRoman Graf arbeitete gut mit den Schülern zusammen und versuchte, mit Hilfe konstruktiver Kritik und guter Tipps, sie auch für zukünftiges Schreiben vorzubereiten. Er setzte sich trotz der kurzen Zeit detailliert und intensiv mit den Texten auseinander. Es ging zum Beispiel um die verschiedenen Zeiten, die die Schüler wählten und wie sie durch das Schreiben im Präsens weniger Distanz und durch das Einsetzen des Präteritums mehr Dramatik erzeugten.

Bei den beiden nächsten Texten wurden vor allem die verschiedenen Anfänge besprochen. Es fiel auf, dass obwohl beide Schüler das gleiche Thema wählten, ihre Texte, sogar deren Beginn, sehr verschieden waren. Roman Graf erzählte von den verschiedenen Anfängen, die man wählen kann. Beispielsweise gäbe es Autoren, zum Beispiel Herta Müller in ihrem Buch „Herztier“, die im ersten Satz die Thematik ihres gesamten Romans zusammenfassten. Solche Tricks, unter anderem auch Brüche in der Geschichte, das emotionale Aufladen von Gegenständen, Wiederholungen oder das Aussparen von Informationen, helfen dem Schreibenden darzustellen, was man will, ohne es konkret benennen zu müssen.

IMG_5514.jpgDiese Tricks konnten sehr gut anhand des Textes eines Schülers erläutert werden. Er handelte von Kurt Cobains Tod und beeindruckte alle Anwesenden. Roman Graf beschrieb, wie der Schüler, indem er anfänglich alles offen ließ, nach und nach mehr Informationen preisgab und zum Schluss eine unerwartete Wendung einbaute, Spannung erzeugte. Mit Wiederholungen wurde Dynamik und Rhythmus in die Erzählung gebracht. Besonders gefiel Graf, dass mittels des Stuhles auf eine menschliche Tragödie hingewiesen wurde, dies gebe der Erzählung eine zweite Ebene.

IMG_5518.jpgZuletzt gab Graf noch einige generelle Hinweise für Literaturinteressierte. Zum Beispiel einen ansprechenden Text mehrmals zu lesen, um heraus zu finden, aus welchen Gründen er einem gefalle, um diese Erkenntnis wiederum fürs eigene Schreiben zu benutzen.

Die Veranstaltung mit Roman Graf war interessant und lehrreich, sowohl für Hobbyschreiber, als auch für zukünftige Literaturnobelpreisträger. Der Schweizer gab sich viel Mühe, in der intensiven Auseinandersetzung mit den Schülern und ihren Texten und nahm sie dabei als Schriftsteller ernst.

(Vanessa Guinan-Bank)

Hier alle Fotos von den Workshops:

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