Interview mit Frau Prof. Dr. Amodeo von der Jacobs- University Bremen

 

Von Marika Gonther, Fabian Othmerding, Jan Goebel und

Vanessa Guinan-Bank

 

Immacolata_Amodeo.jpgSie sind ja die Gründerin des Literaturfestivals für grenzüberschreitende Literatur „Globale“ und damit auch Partnerin von Workshop Literatur. Uns würde nun interessieren, wie Sie überhaupt zu dem Thema des Festivals gekommen sind, was der Auslöser für die Gründung war?

Ich muss sagen, dass ich nicht die eigentliche Gründerin von der „Globale“ bin. Die ursprüngliche Idee stammt von Frau Cerna, Radio Bremen. Frau Cerna ist noch immer meine Co-Festivalleiterin. 2007, im allerersten Jahr, war ich so eine Kooperationspartnerin der „Globale“, wie Euer „Workshop Literatur“ es heute ist. Damals war es auch noch kein richtig großes Festival, sondern ein Abend mit drei Autoren, eine Art Pilotveranstaltung. Im zweiten Jahr habe ich die Festivalleitung dann zusammen mit Libuse Cernaübernommen.

Mein Interesse für die „Globale“ entstand, da diese Art der Literatur, also interkulturelle Literatur von Autoren mit mehrsprachigem Hintergrund, einer meiner Forschungsschwerpunkte ist. Es ist ein Forschungsgebiet, mit dem ich mich schon seit über 20 Jahren befasse und über das ich viel schreibe und publiziere.

DasLiteraturfestival war folglich eine sehr schöne Initiative, die schon ein wenig angelaufen war und bei der ich mein Fachwissen einbringen konnte.

 

nterview_amodeo_4.jpgWie kamen Sie dazu, sich mit gerade diesem Thema so sehr zu beschäftigen?

Ich fing schon am Ende meines Studiums an, mich damit zu befassen. Meine Magisterarbeit handelte schon von interkultureller Literatur. Von dem Zeitpunkt an blieb das Thema einer meiner konstanten Forschungsschwerpunkte.

 

Ich denke, dieses große Interesse hat etwas mit meinem eigenen biografischen Hintergrund zu tun. Ich selbst bin mit mehreren Sprachen und Kulturen aufgewachsen. Ich kam als drei-jähriges Kind aus Süditalien nach Deutschland. Hier blieb ich bis zum Abitur und ging dann wiederum nach Italien zum Studium. Danach kam ich für kurze Zeit nach Deutschland zurück, ich arbeitete wieder für zwei Jahre in Süditalien als Deutschlehrerin, woraufhin ich wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Meine Lebensgeschichte ähnelt also der vieler dieser Autoren. Ich bin öfter zwischen zwei Ländern umgezogen und spreche mehrere Sprachen. Meine Muttersprache ist Albanisch. Meine Familie gehört zu einer albanischsprachigenMinderheit in Süditalien. Dadurch, dass meine Eltern Italiener sind, bin ich also mit Albanisch, Italienisch und Deutsch in der Schule aufgewachsen. Durch meinen Hintergrund konnte ich diese Art von Literatur gutverstehen und sie hat mich einfach sehr angesprochen.

 

Glauben Sie, dass es wichtig ist, das Thema Migration in der Literatur anzusprechen und dass sie eine wichtige Rolle bei der Problematik von, zum Beispiel, Integration spielen kann?

Ja, ich glaube, es ist wichtig dieses Thema anzusprechen, weil ich glaube, dass die Schriftsteller uns bestimmte Perspektivenaufzeigen, die gesellschaftlich oder politisch noch nicht wirklich realisiert sind. Wir können also durch die Literatur viel lernen, auch für politische Entwicklungen. Insofern hat die Literatur aus meiner Sicht ein sehr starkes innovatives und manchmal sogar utopisches Potenzial.

Literatur hat nicht nur die Funktion, bestehende Verhältnisse abzubilden, sondern sie weist in die Zukunft und zeigt, wie man mit mehreren Sprachen und mehreren kulturellen Hintergründen leben kann und wie man vielleicht Konflikte lösen oder sogar verhindern kann.

Ich denke, es ist äußerst wichtig, sich sowohl in der Literatur, als auch in der Literaturwissenschaft mit dem Thema der Migration auseinander zu setzen.

 

 

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Aus ihrer eigenen Erfahrung von den damaligen Sechzigern bis heute, in unserer relativ multikulturellen Gesellschaft, inwieweit, würden Sie sagen, hat sich das Thema Migration verändert oder verbessert?

Ich glaube, es hat sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vieles verändert. Wenn ich an meine Jugend in den sechziger und siebziger Jahren denke, gab es doch sehr viele Probleme im praktischen Leben der Ausländer.

Außerdem gab es nur sehr wenige ausländische Schüler. Ich war die erste Schülerin ausländischen Ursprungs, die in dem Gymnasium, das ich besucht habe, Abitur machte. Dies ist inzwischen völlig anders und man erlebt eine viel stärkere Präsenz von Bürgern mit Migrationshintergrund – ob jung oder alt – in unterschiedlichen Kontexten unserer Gesellschaft. Sei es als Ärzte, Krankenschwestern, Gymnasialschüler oder Universitätsprofessoren. Sie sind einfach präsenter.

Auch die so genannten Einheimischen – wenn man diese überhaupt so trennen kann – haben sich stark verändert. Im Vergleich zu den Sechziger Jahren, in denen man noch die Muffigkeit des Nachkriegsdeutschland spüren konnte, habe ich den Eindruck, die Deutschen sind sehr viel offener und internationaler geworden. Heute ist ein ganz anderes Bewusstsein zu erkennen. Stolz darüber, dass man eine multikulturelle Gesellschaft ist, kann man erkennen und eine große Identifikation mit dieser Art von Leben. Natürlich nicht bei allen, es gibt immer noch Probleme, aber beispielsweise viele Gewohnheiten und das Essen verschiedener Ursprünge vermischen sich und tragen zu einer multikulturellen Gemeinschaft bei. Dies stellt einen großen Unterschied zu den vorangegangenen Jahrzehnten dar.

Wenn man an die letzte Fußballweltmeisterschaft denkt, wurde Deutschland von den Fans, die von außen kamen, als ein sehr gastfreundliches Land empfunden. Ich denke, dass Italien, in Bezug auf den Umgang und das Zusammenleben mit Einwanderern, auf einem viel rückständigeren Niveau ist. Italien ist traditionell immer ein Auswanderungslandgewesen und verwandelt sich gerade in ein Einwanderungsland. Es gibt jetzt seit gut 15 Jahren Einwanderer aus Nordafrika, Südamerika und anderen Ländern. Doch die Italiener reagieren, meiner Meinung nach, teilweisesehr rassistisch und hinken den Entwicklungen anderer europäischer Länder durchaus hinterher.

 

nterview_amodeo_6.jpgInwieweit, würden Sie sagen, hat sich diese Vermischung der Kulturen auf die Literatur übertragen?

Es überträgt sich insofern, als sehr viele Autoren mit interkulturellem Hintergrund Bücher publizieren und inzwischen auch in großen Verlagen präsent sind.

Zu Anfang waren es meistens Publikationen in sehr kleinen Verlagen. Hier in Bremen gab es auch mal einen, der die Arbeit aufstrebender Autoren ausländischer Herkunft publizierte, der CON Verlag. Inzwischen sind es wirklich große Verlage, die diese Autoren veröffentlichen.

Außerdem erhalten sie auch große und wichtige Literaturpreise, und über sie wird von den Feuilletons berichtet.

Ich denke, dass es jetzt auch gar nicht mehr die Trennung zwischen eingewanderten und nicht eingewanderten Autoren gibt. Sie macht ja auch immer weniger Sinn und obwohl unser Festival einen Schwerpunkt darauf setzt, bilden sie, wenn man die gesamte Literaturlandschaft betrachtet, eigentlich keine Sondersparte. Sie sind einfach ein wichtiger Teil der deutschsprachigen Literatur geworden.

 

Wieso glauben Sie, dass die Arbeit mit Schülern wichtig ist?

Die Schüler sind natürlich die künftigen Leser, die künftigen Journalisten und die künftigen Lehrer. Wenn man schon die Schüler für diese Thematik oder überhaupt für Literatur gewinnt, hat man in die Zukunft investiert.

 

nterview_amodeo_3.jpgWürden Sie sagen, dass es Autoren gibt, die wegen ihres Migrationshintergrundes in ein Raster geschoben werden und von denen erwartet wird, über eine bestimmte Thematik zu schreiben?

Ja, das gibt es und die Autoren beschweren sich auch zum Teil darüber. Dass man also, wenn jemand einen ausländischen Namen hat, schon so eine bestimmte Erwartung an den oder diejenige richtet. Vielleicht sogar erwartet, dass diese Autorin oder dieser Autor etwas besonders Exotisches schreibt oder zumindest über eins dieser Themen.

Das habe ich schon von einigen Autoren gehört und oft ist es auch so, dass diese Thematik die Autoren irgendwie beschäftigt, wenn sie auch nur am Rande zum Tragen kommt. In manchen Fällen ist es aber eben so, dass die Autoren nicht zentral an diesem  Thema interessiert sind und sich nicht wohl fühlen, wenn sie in diese Schublade eingeordnet werden.

 

nterview_amodeo_10.jpgSo eine internationale Universität wie die Jacobs University, in der wir uns gerade befinden, ist dann ja auch ein Zeichen für die jetzige Kultur und eine Art Vorreiter oder?

Ja, deshalb gefällt es mir hier auch sehr gut. (lacht) Wir haben mittlerweile Studenten aus 99 Nationen. Unsere Unterrichtssprache ist Englisch, da dies die einzige Sprache ist, die uns alle verbindet.

Für mich ist es besonders interessant. Ich bin Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaften, ich habe folglich einen übergreifenden Blick auf die Literatur, und dann ist es immer sehr spannend, Studierende aus so vielen unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu haben. Jeder bringt aus seinem eigenen Hintergrund etwas ein, und ich selbst kann auch von meinen Studenten lernen.

 

Finden Sie, dass die unterschiedlichen Kulturen einen anderen Zugang zur Literatur haben?

Es sind schon Unterschiede zu sehen. In manchen Kulturen ist zum Beispiel die Schulbildung so organisiert, dass die Schüler sehr viel auswendig lernen müssen. In osteuropäischen Schulen werden einfach sehr viele Fakten vermittelt. Diese Studenten können oft die ganzen Daten auswendig und werden weniger dazu angeleitet die literarischen Texte auf ihr eigenes Leben zu beziehen oder daraus Fragen zu entwickeln, die sie selber betreffen. Während deutsche Studenten eher daran gewöhnt sind, selbstständig mit Literatur zu arbeiten und sie mit Fragen aus ihrem eigenen Kontext zu konfrontieren. Hier kann man einen deutlichen Unterschied beobachten.

(Vanessa Guinan-Bank)

 

Das Interview wurde am 3.12.2009 in der Jacobs University Bremen geführt.

Unser Team auf dem Gelände der Jacobs-University Bremen:

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