Susanne Berkenheger: Interview

Frau Berkenheger, Sie haben schon für die Faz und die Süddeutsche Zeitung geschrieben. Wie sind Sie dann auf die Idee gekommen, Literatur mit Computer bzw. dem Internet zu verbinden?

IMG_5363.jpg Das ist eigentlich schon eine ganz alte Geschichte. 1997 war das, ( Berkenheger lacht) , da habe ich noch für die Süddeutsche gearbeitet und hatte die tolle Aufgabe, zwei Zeitungsseiten zu füllen, mit Themen, die es im Internet gab, zu Dachau, also eine Art Lokalseite sollte ich füllen. Damals war das Internet noch total langsam und kostete enorm, da man das damals ja noch nach Minuten abrechnete. Und diese Recherche, um diese zwei Seiten zu füllen, war so enervierend und frustrierend, so dass dann die Idee kam, dass man so „Personen“ hat, die einen praktisch von Seite zu Seite führen, während man durchs Internet surft. Letztendlich sah das, was ich dann gemacht habe, ganz anders aus, aber das war so diese Grundidee.

Und sehen Sie das Internet mittlerweile als Zukunft der Literatur oder eher als eine neue Facette an?

IMG_5367.jpgEs ist noch gar nicht raus, ob sich die Literatur im Internet so richtig etablieren wird. Also, ich glaube das nicht. Man muss natürlich auch sehen, wie sich das Internet noch weiter entwickeln wird. Wie sich auch die Lesemittel entwickeln werden. Auch an einem Notebook ist es noch nicht wirklich sehr gemütlich zu lesen. Zudem gibt es im Internet das große Problem der Hypertexte, also solche, die vielfach verlinkt sind, die wirklich anstrengend zu lesen sind. Das Schöne beim Lesen ist ja eigentlich dieses sich Zurücklehnen, und dann wird einem alles so präsentiert. Bei der Internetliteratur muss man dagegen aktiv sein, hat aber andererseits nicht ein solches Erfolgserlebnis wie bei einem Computerspiel, in Form von Punkten oder so. Also, ich weiß nicht, ob ich die Zukunft der Literatur im Internet sehe, allerdings denke ich, dass das Internet ein Medium sein wird, das einfach dazu gehören und wichtiger wird, als es jetzt schon ist. Ob sich dann die Literatur darin behaupten kann… mal gucken.

Wie würden Sie sagen hat sich Ihre Art des Schreibens mit der Zeit verändert, gibt es eine andere Art zu schreiben im Internet?

 IMG_5371.jpgEs ist natürlich schwierig, das zu sagen, wenn man das schon so lange macht, dann merkt man das gar nicht mehr richtig. Am Anfang habe ich das noch stärker gespürt. Im Netz ist es ja so, dass der Leser noch schneller wegklicken kann, also noch schlimmer als beim Fernsehen, was dazu führt, dass man versucht, möglichst spektakulär zu schreiben und immer irgendwelche „Bomben“, im übertragenden Sinne, explodieren zu lassen. Ich versuche ja immer möglichst lustige Texte zu schreiben, und da mache ich immer kürzere Sinneinheiten, da niemand tausend Seiten im Netz lesen würde. Es ist teilweise auch sehr anstrengend, denn sehr fein nuancierte Sachen kann man, denke ich, nicht so gut im Internet darstellen. Es muss immer ein bisschen plakativ sein.

Hier würden Sie dem Internet also einen Minuspunkt anhängen im Gegensatz zu Medien wie Büchern, Zeitungen oder Zeitschriften?

IMG_5376.jpgBücher ja. Wobei man bei Zeitungen und Zeitschriften ja auch beobachten kann, wie sie immer plakativer werden, vielleicht weil sie am Kiosk verkauft werden, genau weiß ich’s nicht, aber man sieht halt auch, dass das Internet Einfluss nimmt, wobei das meiner Meinung nach nicht nötig wäre, denn ich finde eine Zeitung muss nicht so plakativ sein. Im Internet dagegen sind Bilder eine gute Möglichkeit, Leute auf der Seite zu halten. Das habe ich auch bei dem Blog total gemerkt. Es macht einen ernormen Unterschied, wenn ich da als erstes ein großes Bild habe, das als Blickfang fungiert. Dagegen hat es so ein Text natürlich immer schwerer, das Interesse sofort zu locken. Mit einem Bild kann man einfach schon vorher skizzieren, in welche Richtung der Rest der Seite noch geht.

Zu der Idee mit dem Second Life: Wie genau sind Sie darauf gekommen und was genau ist diese Account – Leichen Bewegung?

(Bekenheger lacht.) Das war eigentlich ein Zufall. Das war 2007, als Second Life diesen Boom hatte. Ich hatte vorher von Second Life immer nur gehört, es solle nun „Das Ding“ sein, dass es ganz toll sei, alle gingen da rein und der „Spiegel“ hatte auch schon eine riesige Geschichte darüber gemacht. Und in dem Moment bin ich dann angerufen worden von der Künstlerstiftung Schöppingen, und die wollten dann auch diesem Boom folgen und im Second Life IMG_5368.jpgeine Ausstellungshalle aufbauen, um eine Ausstellung zu machen. Und die haben mich dann eben gefragt, ob ich das für die machen will. Vorher kannte ich das nicht und hatte mir dann auch, entsprechend dieser ganzen Meldungen, vorgestellt, da sei ganz viel los. Dann bin ich da allerdings rein gegangen und hab ganz viele leere Gegenden gesehen. Damals waren da 8 oder 9 Millionen Leute angemeldet, allerdings immer nur so 20 – 30.000 eingeloggt. In Statistiken kann man auch sehen, wie viele Leute sich in den letzten 2 Monaten und wie viele sich in den letzten 3 Monaten eingeloggt haben. Daran kann man relativ schnell ablesen, dass sich die allermeisten von diesen 9 Millionen nur ein oder zwei mal eingeloggt haben. Die Accounts werden allerdings nie oder ganz selten gelöscht, weil die Leute sich dann eben diesen Avatar anlegen, einmal reingucken und nie wieder zurückkommen.

Damals bin ich jedenfalls über diese leeren Gegenden gelaufen, die voller Werbewürfel waren und das hat mich dann so ein bisschen gewundert, da sie sich letztendlich niemand anguckt. Ich glaube schon, dass das so eine Art Missverständnis war und sich die ganzen Firmen dachten, Second Life sei eine gute Werbefläche für viele und junge Leute. Dabei hat dann keine bedacht, dass Second Life erstens riesig ist, so dass IMG_5373.jpgso ein Werbewürfel vielleicht von einem oder niemandem angeschaut wird, und zweitens, dass sich von diesen 9 Millionen Angemeldeten immer nur ein kleiner Teil einloggt. Das hat dann dazu geführt dass ich mir dachte, wenn man schon diese 9 Millionen Residents hat, mit denen man immer soviel Werbung für Second Life macht, dann sollten die auch wenigstens sichtbar sein, auch wenn sie nicht eingeloggt sind, und das sind eben diese Account-Leichen. Die Account-Leichen Bewegung hat dann gefordert, dass die Account-Leichen in einer „Away from Keyboard Haltung“, also so einer hängenden Haltung, angezeigt werden.

Ich hatte mir das erst nur für diese Ausstellung überlegt, allerdings hat es dann ziemlich großeResonanz gehabt. In manchen Foren im Internet wurde sich z.B. darüber ausgetauscht, wie viele Account-Leichen man hat. Andere wollten darauf hinweisen, dass das in anderen Communities auch der Fall sei, und dann habe ich das noch ein wenig erweitert und deswegen gibt es die Account-Leichen Bewegung jetzt immer noch.

Wir haben gestern in der Lesung (25.11.2009) auch Negatives aus dem Publikum zu ihrem Blog gehört. Was wollten Sie genau mit dem Blog bewegen und was ist die Resonanz?

IMG_5374.jpgEs hat mich auch etwas überrascht. Das Ganze hat so angefangen: Es gibt im Netz ein Nachrichtenportal über Second Life und diese Leute haben mein Projekt vorgestellt und das gleichzeitig so verstanden, dass das eine ganz gewitzte PR-Aktion für Second Life sei. Da Second Life in den Medien oft schlecht weggekommen war, dachten die, ich mache jetzt ein Projekt damit es mal wieder gut in die Zeitungen kommt. Das war natürlich eine Art Missverständnis, denn ich mache weder ein Projekt, damit Second Life gefördert noch geschlossen wird. Aber mit diesem Missverständnis kamen dann auch solche „Second Life Aktivisten“, wie die zwei, die gestern da waren, und die hatten große Probleme damit, weil sie eigentlich immer nur darstellen wollten, dass Second Life „lebt“ und dass es ganz toll sei. Naja und das hat jedenfalls zu großen Diskussionen geführt (Berkenheger lacht) und erbitterten Auseinandersetzungen. Ich hatte z.B. auch eine Demo gemacht gegen die mögliche Schließung von Second Life, und die beiden waren auf der Gegendemo, wobei sich die beiden jedenfalls eher gegen mich richteten, als gegen den eigentlichen Zweck unserer Demo, und hatten dann Banner mit einem Foto von meinem Kopf, einem roten Kreis drum und den natürlich durchgestrichen.

Es war einerseits ganz interessant und andererseits auch ein bisschen Angst einflößend.Das Lustige außerhalb von Second Life war, dass, gerade, als ich mein Projekt gestartet hatte, Second Life eine neue Marketingkampagne startete. Das wusste ich vorher nicht, aber dadurch hat das eben alles relativ viel Resonanz gefunden. Ich weiß nicht genau, was man da jetzt vorhat, aber irgendwie will man das wohl alles noch mal umkrempeln in Form von mehr weiterbildenden Sachen und Unis und so. Amerikanische Universitäten haben auch viele solche Inseln im Second Life – selten besucht. Es gibt natürlich auch einzelne Fälle, wie zum Beispiel so eine Medienhochschule aus Baden-Württemberg, wo es wirklich Aktive gibt und da ist dann auch manchmal was los. Aber man muss eben sehr viel machen, damit das interessant ist, also sehr arbeitsintensiv.

 

Das Gespräch führten Fabian Othmerding, Marika Gonther und Vanessa Guinan-Bank am 26.11.2009 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Fabian Othmerding