Susanne Berkenheger: Lesung

 

IMG_5337.jpgZum vierten Mal nun verlieh das Virtuelle Literaturhaus, die Online-Plattform für Literatur in Bremen und Bremerhaven, die „Bremer Netzresidenz“. In diesem Jahr darf sich die Netzkünstlerin Susanne Berkenheger über den Preis freuen und bedankt sich gleich in Form einer literarischen Pressekonferenz der ganz anderen Art…

Es ist kurz nach neunzehn Uhr und mit großer Spannung erwarte ich die Lesung von Susanne Berkenheger und frage mich, was mich in den nächsten anderthalb Stunden wohl erwarten wird. Nach und nach wird es stiller im Wall-Saal, der von einem beschaulichen aus Jung und Alt bestehenden Publikum gefüllt wird. Nach der Begrüßung durch Herrn Tepe von der Stadtbibliothek wird das Mikrofon an unsere Redakteurin Marika weitergereicht. Mitreißend und mit einem Lächeln im Gesicht stellt Marika die Arbeit vom workshop literatur e.V. vor.

 

 

IMG_5338.jpgJetzt beginnt der eigentliche Hauptteil des Abends: Susanne Berkenheger, dessen Avatar Muji Zapedzki sich seit September auf Expedition im Second Life befindet, ergreift das Wort und stellt ihre Forscher-Gruppe vor. Zum Team gehören Anne Albrecht, welche Second Life durch die Augen des Avatars Sta Szczepanski sieht, Anna Szcesny, die in die Rolle von Oliver Azambuja schlüpft und Fretwurst Frostbite, dessen First Life Charakter Klaus Ungerer leider nicht anwesend ist. Den ersten Forschungsbericht liefert Sta Szczepanski und liest aus ihrem Forschungstagebuch über ihre ersten vier Tage im Second Life. Mit viel Witz, aber auch deutlich durchklingender Kritik,

IMG_5342.jpgerzählt Sta von ihren Erlebnissen in Second Life; so kommt sie an ihrem ersten Tag zweimal
beinahe ums Leben, verursacht am zweiten Tag einen Unfall und als wäre dies nicht genug erkennt sie letztendlich auch noch das „Böse“ in sich und schließt ihre Berichterstattung mit den Worten „Jeder hat Leichen im Keller- ich jetzt auch“.
Der nächste Erfahrungsbericht kommt nun von der Preisträgerin selbst. Auf fast schon zynische Art und Weise versucht Muji dem Geheimnis von „Schwebenden Lebensmitteln“ auf den Grund zu kommen, verwirft letztendlich aber die Verschwörungstheorie, dass ungeduldige Zahnärzte aus dem First Life, also dem echten Leben hinter dem schwerelosen Essen stecken könnten. Doch es gibt noch mehr zu entdecken. Auf Politikland beispielsweise macht Muji die Bekanntschaft mit Steinmeier, welcher mit Vornamen Frank-Walter heißt. Nach dem er am 8. November 2007 nach einer Online-Dursuchung überraschender Weise aus Second-Life verschwindet, wird am 21.11.2007 im First Life ein „Frank-Walter Steinmeier“ Vizekanzler-Zufall?

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…Dass es im Second Life auch philosophische Probleme gibt, macht der Avatar Oliver deutlich, denn Zeitdimensionen wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt es dort nicht. Mitleid für die Objekte, welche nur von kurzer Bedeutung sind, und ein langweiliger Lebensstil gehören im Second Life zur Tagesordnung. Und auch die berauschende Wirkung der bunten Riesenpilze, die überall zu finden sind, ist nur von kurzer Dauer und kann nicht über die Trostlosigkeit des Account-Leichenlandes hinweg täuschen.

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Zum Stimmungsumbruch kommt es, als Susanne Berkenheger den Forscher-Bericht von Fretwurst vorliest, der sich durch das „älteste Berlin im Second Life“ schlägt und es dabei mit eigentlich doch eher bayrischen Spezialitäten zu tun hat. Am Ende lernt Muji dann noch einen Ur-Avatar kennen, welcher von seinen Erinnerungen an ein früheres Second Life erzählt, in welchen die Unbeständigkeit der Dinge im Second Life zum Ausdruck kommt.

Die Lesung ist vorbei und die Preisträgerin, welche zuvor eine fiktive, spannende Geschichte angesagt hatte, hat ihr Wort gehalten. Auf literarisch vielleicht ungewöhnliche, aber dennoch einprägende Weise hat das Forscher-Team einen Einblick in die Welt des Second Life gegeben. Und auf die Frage, wie die Autoren zu so einer unkonventionellen Schreibweise gelangt sind, antwortet Anne Albrecht: „ Das Leben in Second Life ist so absurd, dass auch die Texte ganz absurd sind…das Leben dort ist halt einfach merkwürdig, vielerorts sogar gruselig“.

Dass dieses Leben wohl nicht nur gruselig sein kann, beweisen zwei Gäste aus dem Publikum. In der an der Lesung anschließenden Fragerunde bekennt sich das Paar nämlich als Second Life-User und zeigt, wie schnell man sich in dieser Welt verlieren kann. Als hätten sie den Bezug zur Realität verloren, können sie den kritischen und auch warnenden Anklang der Berichte nicht nachvollziehen und sehen in Second Life das wahre, vielleicht sogar bessere Leben…

Ich fand die Lesung sehr interessant, da sich für mich zwei vollkommen unterschiedliche Bereiche, nämlich Literatur und Computer-Spiel, ineinander verschmolzen haben. Dabei muss ich besonders die Darbietung der Erlebnisse der Autoren im Second Life anerkennen. So war die Lesung zwar sehr unterhaltsam, hat aber auch verdeutlicht, welche schwerwiegende Folgen der fehlende Bezug zu realen sozialen Kontakten und die Flucht in ein zweites, virtuelles Leben haben kann.

 

Lesung am 25.11.2009: Expedition ins Account-Leichenland

(Nadia de Vries)