Ergebnisse aus den Workshops mit Yadé Kara vom 23.10. 2009

Zwiespalt

 

Wind kommt auf. Er tilgt die letzten Spuren, die auf dekadente Feierei  hindeuten, vom menschenleeren Platz. Die Stille ist erdrückend. Die letzten Pappbecher und leeren Chipstüten rascheln in den kleinen, verwinkelten Gassen. Einsamkeit umgibt ihn. Seine besten Tage sind schon vorbei, statt sich mit dem „Älterwerden“ abzufinden, sehnt sich seine Seele nach Aufruhr und Tumult. Doch man hat ihm den Hahn abgedreht. Das Parlament hat schon vor Jahren die Prioritäten auf den Erhalt anderer öffentlicher Plätze und Sehenswürdigkeiten gelegt.
Der Wind treibt Richtung Süden.
Nun, stehen wir uns gegenüber. Der Brunnen und Ich. Keine bitteren Erkenntnisse. Ein verlockend – süßlicher Duft umweht mich. Sollte ich ihn verlassen? Der Anziehungskraft des fremden und so seltsam vertrauten Ortes folgen?
Der Drang zerreißt mich. Ein kurzes Gefühl des Nachgebens, dann habe ich mich wieder im Griff. Die Flucht in Richtung Bäckerei am Rande des Platzes.
Zwei Schritte in seinen schützenden Schatten. Ich lasse mich auf seinen kalten, steinernen Rand nieder und blicke auf das Antlitz der Stadt. Vertrautheit.

 

(James A.)


Riga- Allein in einem fremden Land

Der Bus sollte mich zu meinem Hostel bringen. Ich war endlich angekommen in Riga, Lettland. Doch alles, was ich sah, war dieser riesige Haufen deutscher Touristen, die mir nicht mehr von der Seite gewichen waren, seit ich vor einigen Stunden in Bremen ins Flugzeug gestiegen war. Es war seltsam, einige kamen mir mittlerweile schon vor wie alte Bekannte. Naja, fast. Langsam zerstreute sich die aus dem Bus strömende Menschenmenge und durch eine Lücke, die sich soeben gebildet hatte, erblickte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Fleck Rigaer Innenstadt. Und dieser Fleck bestand aus einem großen Schlagloch in dem grauen Betonboden. Als der Bus abgefahren war und die Menschen in verschiedene Richtungen davongingen, war ich plötzlich nicht mehr vor dem eisigen Wind geschützt und merkte, wie kalt es hier eigentlich war. Aber daran würde man sich wohl gewöhnen müssen, das Leben ist hart, eines der härtesten, hatte meine Mutter immer gesagt. Ich sah mich nun genauer um. Ich stand auf einem ziemlich weitläufigen Platz und stellte fest, dass das Schlagloch, das ich zuerst entdeckt hatte, nicht das einzige war. Der Platz war übersät davon, durchlöchert wie Schweizer Käse, dachte ich. Hmm, bis jetzt machte Riga auf mich einen etwas heruntergekommenen Eindruck, aber ich wollte mir kein vorschnelles Urteil bilden und beschloss, erstmal meine Unterkunft für die nächsten fünf Tage zu finden.

Ich kramte die Wegbeschreibung aus meinem Rucksack, die mir die Verwaltung des Hotels gemailt hatte und ging, mit meinem Gepäck im Schlepptau, los in Richtung Marijas iela. Das einzige Wort Lettisch, das ich verstand, war iela. Das hieß Straße. Ich sah mich aufmerksam um, denn ich wollte mir meine Umgebung gut einprägen, schließlich musste ich irgendwann auch wieder zurückfinden. Die Straßen waren links und rechts gesäumt von hohen, alten Häusern, die zum Teil verfallen wirkten, zum Teil aber auch mit prächtigen Verzierungen im Jugendstil auf sich aufmerksam machten. Als ich gerade ein paar besonders schöne Ornamente betrachtete, stolperte ich auf einmal über ein Schlagloch und beschloss, meinen Blick lieber nach vorne zu richten und mir statt der Gebäude die Menschen ein bisschen genauer anzusehen. Die meisten wirkten etwas gehetzt, was sich aber hauptsächlich an ihrem schnellen Gang und nicht an ihrer Mimik festmachen ließ, denn fast alle trugen dicke Schals und tief ins Gesicht gezogene Mützen. Gerade überholte mich eine junge, dunkelhaarige Frau und ich fragte mich, wie sie auf so hohen Schuhen überhaupt so schnell gehen konnte. Nachdenklich sah ich ihr hinterher und bemerkte, dass sie nicht die einzige mit acht-Zentimeter-Absätzen war. Jedes weibliche Wesen um mich herum trug solche Fußmörderschuhe und jetzt, wo ich darauf achtete, konnte ich es nicht nur sehen, sondern auch hören: Ein vielstimmiges „klack, klack, klack“ erfüllte die Straße. Vermutlich war ich mit meinen ausgelatschten Turnschuhen sofort als Touristin zu erkennen. Ich bog um die nächste Ecke und sah mein Hostel. „Central Hostel“stand auf einem blumenförmigen Schild über der Eingangstür. Ich drückte auf die Klingel und wartete, bis sich die schwere Tür mit einem Summen öffnete. Als ich eintrat, hielt ich erst einmal einen Moment lang im Treppenhaus inne und genoss die Wärme. Dann stellte ich fest, dass es ein wenig nach altem Teppich roch, doch das war jetzt auch egal. Mir wurde nämlich gerade bewusst, wie müde ich eigentlich war und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als möglichst schnell mein Zimmer zu beziehen und mich aufs Bett zu werfen. Kein Wunder, schließlich war ich diesen Morgen bereits um halb vier aufgestanden um meinen Flieger zu erwischen. Ich ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, weil ein Wegweiser mir verriet, dass ich das tun sollte. Kaum war ich oben angekommen, kam auch schon eine lächelnde, zufrieden wirkende Frau auf mich zu, um mich zu begrüßen und mir mein Gepäck abzunehmen. Zum Glück konnte ich recht gut Englisch, denn die Frau sprach mit einem relativ starken, vermutlich russischen Akzent. Sie führte mich den langen Flur entlang und zeigte mir zunächst die kleine Küche, in der gerade zwei Leute, wahrscheinlich ein Ehepaar, saßen und frühstückten. Sie lächelten und winkten mir zu. Ich war überrascht, wie freundlich und familiär die Atmosphäre hier war, ich fühlte mich fast wie in einer WG. Die Menschen hier drinnen wirkten auch viel sympathischer, als die vorbeieilenden, gehetzten Leute draußen, wer hätte das gedacht. Meine anfängliche Skepsis, ob Riga wirklich der richtige Ort zum Verreisen war, schien wie weggeblasen. Auch der nächste Raum, ein Gemeinschaftszimmer mit Fernseher und Computer, erschien mit seinen roten und gelben, kuschelig aussehenden Sesseln wahnsinnig gemütlich. Als ich schließlich mein Zimmer betrat und die liebevolle Einrichtung erblickte, ließ ich mich glücklich auf das weiche Bett fallen und war mir nun sicher, dass ich mich hier absolut wohl fühlen würde. Mit diesem Gedanken im Kopf und einem Lächeln im Gesicht schlief ich zufrieden ein und träumte von einer warmen, sonnigen Insel inmitten eines kalten Meeres voll rauschender Wellen und Abenteuer.

(Leona)


Neuseeland

Die Luft ist klar, die Sonne scheint und der Himmel ist blau. Seit zwei Stunden sind wir nun unterwegs. Meine Füße fangen langsam an zu schmerzen und ich spüre, wie mein Magen anfängt zu grummeln. Aber ich halte noch durch. Schließlich hatte er sich extra frei genommen um mir seinen Lieblingsort zu zeigen. Über Felder und Weiden sind wir nun gegangen. Und durch Wälder. Mittlerweile ist es später Nachmittag. „Wie weit ist es denn noch?“. „Wir sind gleich da, halt noch ein bisschen durch“. Er nimmt mich an die Hand. Zusammen fällt mir das Gehen auf einmal viel leichter. Mein Blick fällt auf den Boden, auf meine Füße. Aus Langeweile zähle ich meine Schritte. Beim 25. Schritt hält er plötzlich an. „Wir sind da“, sagt er mit einem strahlenden Lächeln. Ich blicke auf. “Es ist wunderschön“. Von hier oben aus kann man über die ganze Landschaft sehen. Die Bergspitzen glitzern weiß. Der blaue Himmel ist leicht bewölkt und die Sonne scheint. Alles spiegelt sich in dem großen See wider. Wir setzen uns auf einen Baumstamm. Ein kühler, erfrischender Wind bläst mir durch die Haare und durch den Kopf. Ich schließe die Augen und spüre die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht.  Ich spüre seine wärmende Hand auf meiner kalten. Mit seiner anderen streicht er mir über die Wange. Er sieht mir tief in die Augen. Sie sind so blau. Stundenlang könnte ich in seine wunderschönen Augen schauen. Er gibt mir einen Kuss und drückt meine Hand ganz fest. Er wendet seinen Blick wieder nach vorn. Ich lehne mich an seine Schulter. So könnte ich Ewigkeiten hier sitzen. Vergessen in der Zeit und im Glück.

(Marie)

 

Veränderung

Der Schlüssel steckt im Schloss des mehrstöckigen Wohnhauses.
Klein und silbern blinzelt er in das milchige Licht der Morgensonne, scheint ihr zuzuzwinkern, sie einzuladen in neue Welten. Welten, die sie noch nicht kennt.
Neue Gerüche, Gefühle, neue Menschen.
An dem Schlüssel ist ein Schild befestigt, eingeschweißt in blaues Plastik und bereit dazu, jeden Namen zu tragen und an jedem Schlüsselbund zu hängen.
Doch das Schild ist leer. Es ist ihr zu absurd erschienen, ihren Namen auf das weiße Stück Papier zu schreiben.
Auf eine lächerliche Art und Weise endgültig.
Sie dreht den Schlüssel im Schloss. Ein kurzes Knacken. Die Tür zum Erdgeschoss steht offen.
Eintreten. Tür zu.
Sie steht im Treppenhaus. Die grau-weiß melierte Treppe schaut sie an, trist vom Schmutz etlicher Jahre und Menschen.
Sie nimmt zwei Stufen auf einmal.
Zwei. Vier. Sechs. Acht.
Irgendwann hört sie auf zu zählen. Einen Fahrstuhl gibt es hier nicht.
Sie riecht kalten Zigarettenrauch, Wandfarbe, und hier und da, wenn sie an den geschlossenen Türen vorbeiläuft, auch Frühstückseier, Haarshampoo, Hundefell.
Sie vernimmt Stimmen. Ein weinendes Baby, ein Streitgespräch.
Schließ die Augen. Präg sie dir gut ein, die Geräusche. In vier, vielleicht fünf Monaten wirst du sagen:
Das sind wieder die aus dem zweiten Stock, haben die sich immer noch nicht getrennt?
4. Stock. Natürlich ganz oben. Eigentlich gefällt es ihr gut, oben zu wohnen. Ganz weit oben, wo man nachts auf die Lichter der Stadt schauen und dem Wind zusehen kann, wie er mit seinen kalten Fingern über die Dächer streicht.
Menschen laufen durch die schmalen Straßen sind auf dem Weg nach Hause, nach Nirgendwo…
Ihre Begeisterung fürs Treppensteigen hält sich dagegen in Grenzen.
In diesem Flur sind nur noch zwei Dachgeschosswohnungen.
Ihre Nachbarn kennt sie noch nicht.
Vor einer braunen Holztür bleibt sie stehen.
Abgegrabbelt ist sie und irgendjemand hat seine Initialen hineingeritzt.
Ein schiefes A und ein T.
Ihr Vormieter?
Jemand, der schon lange nicht mehr hier lebt?
Hat es ihm oder ihr hier gefallen?
Ist es ein Zuhause gewesen?
Die braune Holztür öffnet sie schneller, hastiger. Will nicht mehr so viel nachdenken, lieber gleich handeln.
Dann steht sie im Flur.
Weiß.
Weiß gestrichene Wände, starker Geruch nach Terpentin.
Der Geruch scheint ihr genau wie die Farbe. Weiß. Starr. Und irgendwie wartend.
Wartend, auf was?
Auf neue Bilder, Bilder von Freunden, von Familien, von Haustieren?
Poster von Musikfestivals, kitschigen Palmen im Sonnenuntergang?
Oder nur ein Druck von Van Goghs Sonnenblumen, einsam und allein an einer ockergelb gestrichenen Wand in einem dünnen Holzrahmen.
Man würde ja sehen.
Sie geht an der Wand entlang, streicht über Wände, Türschwellen, wie eine Katze, die ihr Revier erkundet.
Die Wohnung hat vier Zimmer. Ein winziges Bad mit Dusche, Toilette, Waschbecken.
Ein größeres mit Fenster, das zur Straße ausgerichtet ist.
Wie von selbst fängt sie an zu planen. Die Augen zusammengekniffen richtet sie sich in Gedanken ein. Hier vielleicht ein Schrank, da hinten das Bett.
Sie tritt ans Fenster und stößt fast gegen einen Farbeimer, der am Boden steht.
Mit dem Fuß schiebt sie ihn zur Seite. Dann öffnet sie die Klappen und lässt Luft herein.
Einatmen.
Ausatmen.
Anfangen.
(Theresa)

 

Koh Samui

Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel herunter, das türkise Meer funkelt im Schein und der weiße Sand am Strand ist in seiner Perfektion wie im Traum. Die Straße schlängelt sich über die Insel und die Umgebung erinnert auf den ersten Blick an Zuhause, aber auch nur fast.

Die Straßen haben keine Markierung und an den Seiten gibt es keine Abgrenzungen.  Die Bürgersteige oder Radwege sucht man umsonst. Auf der einen Seite sieht man, soweit das Auge reicht, halb vertrocknete Wiesen und auf der anderen Seite das rauschende Meer. Alle hundert Meter stehen kleine Hütten aus Holz, in denen Menschen stehen und Lichis, Wassermelonen und andere leckere Köstlichkeiten verkaufen. Die paar glamourösen Häuser, die man an den Seiten stehen sieht, gehören zum größten Teil Deutschen und Schweizern. Nur fünfzig Meter weiter stehen die Hütten der Einheimischen. Die Hütten bestehen aus Wellblech und sehen aus, als würden sie bei der kleinsten Windböe auseinanderfallen.
Ich gehe weiter und nähere mich der ersten Stadt. Als ich dort ankomme, würde ich am liebsten sofort wieder umkehren. Doch ich bleibe. Ich gehe Stück für Stück weiter. Sehe die Restaurants, die Kioske, die Autoverleiher und denke sofort, dass das alles bei uns so nicht durchgehen würde. Das Restaurant hat keine Wände, nur Eisenstangen, die nach oben gehen und auf denen das Dach liegt. Gartenstühle und heruntergekommene Campingtische dienen zum Sitzen und dran Essen.
Wenn man weiter geht, fällt einem sehr schnell auf, dass es keine Strommasten gibt, sondern alle Kabel wild durch die Gegend hängen und an den Stellen, wo man Strom zapfen kann, gehen auch unendlich viele illegale Kabel daran hinunter. Ein Anblick für sich.
Dann kommt der Markt. Es stehen Hunderte von Ständen auf kleinstem Raum und die Verkäufer schlagen sich um die Kundschaft. Der Markt wirkt interessant und ich gehe hinauf. Doch am liebsten würde ich sofort umdrehen, da es ein bisschen wie Kanal riecht und alles irgendwie dreckig wirkt, auch wenn kein Müll herumliegt.
Die Sonnenstrahlen und das Rauschen des Meeres können über all das nicht hinwegtäuschen, und trotzdem fühle ich mich zu dem Ort hingezogen, seit ich hier bin. Koh Samui. Eine thailändische Insel, welche nicht jedem gefällt, aber bei mir etwas hervorruft, das mich immer wieder dorthin zurückholt in meinen Träumen.
(Nele)

 

Mein Paris

Bäume. Blauen Himmel. Einen kleinen Ausschnitt der Straße. Viel mehr sah ich nicht, als ich aus dem Fenster schaute. Wir näherten uns in gemäßigtem Tempo unserem Zielort. Wir, das waren meine Freundin und ihre Eltern und ich. Alle waschechte Bremer.
Es waren Sommerferien. Unser Zielort, an dem wir eine Woche Urlaub machen würden, war Suresnes, ein kleiner Ort in Paris, nahe der Stadtgrenze. Um nach Suresnes, das auf der von uns aus anderen Seite von Paris liegt, zu gelangen, mussten wir quer durch das Pariser Zentrum fahren.
Mit jedem Kilometer, dem wir Suresnes näher kamen, stieg meine Aufregung.
Ich war vorher noch nie nach Paris gereist und konnte es kaum erwarten, anzukommen.
Bis jetzt konnte ich nur ab und an Teile der Seine, eine glitzernde, ruhig dahinfließende Fläche, und irgendwo in der Ferne den Eiffelturm ausmachen.
Wir bahnten uns unseren Weg durch den Pariser Verkehr, vorbei an großen, kleinen, breiten, schmalen, bunten, grauen Gebäuden. Wohnhäuser, Geschäfte, Restaurants, Cafés, Markthallen, Kathedralen. Hier und da schimmerte etwas Grün, das auf spärlich angelegte Vegetation hinwies, zwischen den Häuserfassaden hindurch und alles Mögliche, was ich im Vorbeirauschen nicht schnell genug erfassen konnte.
Und dann, als wir ein Stück einer ansteigenden Straße gefolgt waren, die durch einen riesigen grünen Park verlief, erreichten wir die gerade Ebene und sahen es: Suresnes. Ein Ortsschild, das wir kurz darauf passierten, garantierte uns, dass wir richtig waren.
Wir fuhren in den Ort und mir wurde sofort klar, er gefiel mir! Mein erster Eindruck war, dass er sich unterschied von dem Paris, das jeder kennt. Es war hier weder laut, noch hektisch, noch groß. Aber das war, was mir gefiel. Kein Klischee. Das würde ich in den nächsten Tagen noch häufig genug bestätigt bekommen.
Suresnes war einfach nur schnuckelig.
Es gab eine Hauptstraße, die auch relativ gut befahren war und viele, viele kleine Nebenstraßen und –gassen. Hohe, schmale, freundlich aussehende Häuser, überwiegend in Weiß, reihten sich hier dicht an dicht. Wir schlichen mit dem Auto an mehreren winzigen Einkaufsmärkten, Obstständen, Modegeschäften und allerlei Imbissläden vorbei.
Es waren vereinzelt Leute zu sehen, die Einkaufstüten trugen, sich Schaufenster ansahen oder einfach nur das gute Wetter genossen.
Wir drehten unsere Runden auf der Suche nach unserem Hotel, was wir eine gefühlte Stunde später erschöpft ausfindig machten. Einparken, Tür aufreißen – und da war sie. Die Pariser Luft. Ich sog sie gierig in mich hinein. Sie war erstaunlich frisch und nur ein mittelmäßig ausgeprägter Abgasgestank lag in der Luft, was wohl an der eher ruhigen Lage und den vielen Bäumen um und in Suresnes lag.
Meine Freundin und ich grinsten uns glücklich an und schleppten unsere Koffer zur Rezeption, wo ihre Eltern gerade eincheckten. Ich hörte sie nur „äh, pardon je ne comprends pas…“ stammeln und lachte leise. Ich gesellte mich zu ihnen und klärte das Nötigste mit der Angestellten.
Endlich konnte ich mein äußerst lückenhaftes Schul-Französisch einmal sinnvoll anwenden. Ich war wahnsinnig gespannt auf die Franzosen.
Mittlerweile war es dunkel geworden. Während meine Freundin und ich auf unserem herrlich bequemen, geräumigen Hotelbett lagen, hatten wir verfolgt, wie die Sonnenstrahlen immer matter wurden und tiefer und tiefer sanken, bis sie schließlich ganz verschwanden und sich der Himmel langsam von orangerot zu tiefblau färbte.
Nun liefen wir durch die Pariser Nacht und sangen leise „Oh Champs Élysée.“ Ein paar Franzosen fuhren auf Mofas vorbei, pfiffen und riefen „oh lala“.
Die Luft war noch aufgewärmt vom heißen Sommertag und wir trugen demonstrativ kurze Hosen und Tops. Sommer. Wunderbar. In diesen vollkommenen Momenten hätte ich platzen können vor Glück. Ich liebte diesen ersten lauen Sommerabend in der schönsten Stadt der Welt mit der schönsten Sprache der Welt.
Unsere Ortserkundung hatte eigentlich u.a. den Zweck, einen größeren Supermarkt zu finden, lief aber darauf hinaus, dass wir vollkommen verwirrt und orientierungslos immer wieder durch die gleichen Gassen liefen. Wie konnte man sich in diesem kleinen Ort nur nicht zurechtfinden?!
Während wir Ausschau nach einem Supermarkt hielten, kamen wir an diversen Imbissläden vorbei, die eine große Spannbreite an internationalen, kulinarischen Kleinigkeiten anboten. Die Luft war erfüllt von den unterschiedlichsten Gerüchen. Herzhaft, süßlich, pikant.
Alles vermischte sich, aber es war angenehm. Der kleine Ort begann langsam zum Leben zu erwachen. Der Begriff Nachtleben war zwar noch etwas sehr weit hergeholt, aber es war schon deutlich mehr los auf den Straßen und in den Gassen. Die Restaurants hatten alles, was sie an Tischen und Stühlen zu bieten hatten, auf die Straße gestellt und Kellner huschten zwischen den überfüllten Tischen umher. Jeder schien hier jeden zu kennen.
Wir waren auf einem runden gepflasterten Platz angelangt und ich blieb für einen kurzen Moment stehen und schloss die Augen, um alles um mich herum zu erfassen. Ich hörte das laute Stimmengewirr der vielen Restaurantbesucher und Passanten. Ich versuchte, mich auf ein Gespräch zu konzentrieren, verstand aber kein Wort von dem schnellen, französischen Wortgeplänkel. Jedes Wort eine Melodie für sich.
Von weiter oben aus einem offenen Fenster eines Wohnhauses drang sanfte Geigenmusik. Weiter rechts Singen, Lachen, Fernsehgeräusche.
Kinder schrien und trappelten an uns vorbei. Meine Freundin berührte mich am Arm und ich öffnete meine Augen wieder und lächelte sie an. „Es ist wunderschön hier.“ „Ja, aber wir sollten langsam zurück zum Hotel.
Ich bin todmüde und morgen wird ein harter Tag. Den Supermarkt können wir vergessen, der hat sowieso schon längst geschlossen.“
Dieser Ort hat mich nie losgelassen – bis heute nicht. Ich lebe hier.
Mittlerweile spreche ich fließend Französisch und habe einen Franzosen geheiratet. Wir wohnen seit langem zusammen in einer kleinen, aber unfassbar teuren Wohnung im Herz von Suresnes.
Ich liebe es, in diesem kleinen Ort inmitten einer großen Stadt zu wohnen. Wenn ich auf meine alten Tage genug von der Bodenständigkeit hier habe, fahre ich mit dem Bus und der Métro raus ins Pariser Stadtzentrum, setzte mich dort in ein Café oder schlendere die Champs Élysée hinunter und lasse das bunte Leben dort auf mich wirken.
(Kira)

Ein Haus in den Dünen am Meer
Es ist dieses wohlige, zufriedene Gefühl, dass mich überkommt, wenn ich mein Haus betrete. Ich hatte es renoviert und neue Möbel gekauft. Alles in Weiß- und Beigetönen gehalten. Es sieht wunderbar aus. Ich wage einen Blick aus dem Küchenfenster. Das Meer. Wer wünscht sich nicht irgendwann mal ein Haus in den Dünen am Meer?
Vor einem Jahr hatte ich den Großstadttrubel Amsterdams hinter mir gelassen und versuchte, mich ganz dem wunderbaren Augenblick hinzugeben. Es ist ein überwältigendes Gespür von Freude zu wissen, dass man, wann immer man auch möchte, hinaus ans Meer gehen konnte. Es ist mein eigenes kleines Paradies hier. Nachts kann ich mit offenem Fenster schlafen und dem Rauschen der Wellen lauschen. Es ist ein beruhigendes und sagenhaftes Erlebnis dies zu tun. Man kann es sich nur schwer vorstellen, wenn man ein typischer Stadtbewohner ist. Es überkommt einen solch eine Freude, dass man dieses Empfinden auf keinen Fall loswerden möchte. Ja, ich kann mich noch genau an meine erste Nacht hier erinnern. Es war so eine heiße, stickige Luft den ganzen Tag über gewesen und abends kühlte es langsam ab. Ich öffnete die Fenster und es wehte eine ganz leichte Luftbrise durch das Haus. Ich konnte die Wellen des unruhigen Meeres nur zu gut hören.
Das ganze Jahr über herrscht hier nur eine Jahreszeit. Der Sommer. Es ist wirklich wie in einem schönen Kindheitstraum. Ich hatte mir schon immer erträumt, das ganze Jahr über Sommer zu haben. Sonnen und schwimmen, wann immer man möchte. Und wenn es regnet, dann sind es immer diese wunderbaren Sommerregen, die so gut riechen. Ein Lächeln überkommt mich, wenn ich an das letzte Weihnachten vor einem Monat denke. Wir hatten eine Tagestemperatur von 25°C und ich war damit beschäftigt, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Ein eigenartiges Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Denn ich hatte nur noch die schneereichen Winter Amsterdams in Erinnerung.
Für mich ist dies ein Ort, der voller Magie steckt und mich immer wieder aufs neue überrascht mit seinen tausend Geheimnissen. Auf keinen Fall möchte ich zur Zeit von hier weg. Auch wenn es mir manchmal hier ein wenig einsam erscheint. Denn es wohnen hier nicht viele Menschen. Aber die Nachbarn in meinem Umkreis sind alle sehr liebenswert, denn sie haben mich so freundlich empfangen. Ich würde diesen bezaubernden Wohnsitz gegen nichts eintauschen wollen.
Ein Blick auf das offene Meer genügt und du fühlst dich frei.
(Franziska)


Ein bestimmter Ort
Die Anspannung stieg, als ich dem Ausgang immer näher kam. Warme Luft und Lärm erreichten mich. Als ich aus der Tür kam, sah ich die Großstadt.
Lauter Autos fuhren rasant auf riesigen Straßen, jedes zweite Auto hupte und die Fahrer schrien einander an. Menschen um Menschen drängelten sich durch die kleinsten Gassen. Jeder schrie, entweder ins Telefon oder versuchte ein Gespräch mit dem Nachbar aufzubauen, was leider unmöglich war.
In den Schaufenstern waren lauter Figuren, die allesamt schickste Kleidung trugen.
Ich war in New York, der größten Stadt des mächtigsten Land der Erde: USA. Das Land der Freiheit, wo man vom Tellerwäscher zum Millionär wird. Dies war natürlich auch mein Ziel.
Ich verschwand im Gedrängel. Getragen vom Strom der Menge durchquerte ich New York. Alle Arten von Menschen standen neben mir. Da waren die Geschäftsleute mit ihren Anzügen und Handys am Ohr, sie mussten noch die letzten Aktiengeschäfte erledigen. Daneben Menschen von unterschiedlichster Herkunft, die sich in ihrer Sprache unterhielten. Ich versuchte, ein paar Sprachen herauszuhören. Ich erkannte Englisch, Spanisch, Französisch und meinte auch Indisch und Chinesisch wären dabei gewesen.
Und zum Schluss waren da noch die Frauen, die an jeder Boutique anhielten und sich fragten, ob dieses Kleid Heidi Klum oder Jennifer Aniston bei der letzten Fashion getragen hatte.
Die Gebäude ragten aus der Erde wie Bäume im Regenwald. Alles war dicht an dicht gebaut. Hier die Wallstreet mit ihren riesigen Bürogebäuden, da das Empire State Building. Und in der Ferne waren die Umrisse der Freiheitsstatur zu erkennen.
Bald war ich da, an dem Ort, der wohl der ruhigste und entspannteste in ganz New York ist. Dreimal in der Woche setzte ich mich auf eine Bank und ließ die Menschen an mir vorbeiziehen.
Noch einmal rechts und dann zweite Straße links. Jetzt war ich da, im Central Park.
Entspannung. Mein Ort.
(Vincent)

New York

Liebes Tagebuch

Heute bin ich endlich in New York angekommen. Nach neun Stunden Flug aus meinem öden Dorf in Russland. Die ersten Eindrücke sind überwältigend. Alles ist scheinbar unendlich groß in dieser Stadt. Hier ist es so, als ob sich einfach alles bewegen würde. Als ich aus dem Flugzeug steige und mir ein gelbes Taxi direkt zum Times Square nehme, kommt es mir so vor, als lebte ich in einer komplett anderen Welt. In dem Dorf, aus dem ich komme, leben ca. 15 Menschen und hier sind es Millionen von Menschen auf kleinstem Raum. Es scheint wie ein Traum, doch es ist die pure Realität. Als ich stehen bleibe, um ein Foto zu machen, fällt mir auf, dass alle Menschen hektisch an mir vorbeilaufen und mich gar nicht sehen und beachten. Nachdem ich die ersten Eindrücke sammeln konnte, gehe ich zur U-Bahn Station, um die nächste U-Bahn zum Empire State Building zu nehmen. Mein alter Nachbar hatte mir gesagt, dass ich in der U-Bahn gut auf mein Geld aufpassen soll, da es dort vor Taschendieben nur so wimmelt. Das ist mir in diesem Moment egal. Ich musst erst einmal meine Eindrücke ordnen. Als ich vor dem Empire State Building stehe, bin ich sehr erstaunt über die Größe des Gebäudes, denn ich habe schließlich noch nie zuvor so ein großes Bauwerk gesehen. Die Gebäude die ich bisher gesehen habe, waren höchstens sieben bis acht Meter hoch. Schließlich wird es dunkel und es scheint, als ob die Stadt erst jetzt aufwacht. Doch ich bin so müde, dass ich mir ein Hotelzimmer miete. Im Hotel bemerke ich, dass mein Portemonnaie weg ist. Es wurde mir wohl wirklich in der U-Bahn geklaut, aber das ist nicht so schlimm, denn es waren nur 10 $ und ein paar Zerquetschte darin.Mal sehen, was in den nächsten Tagen noch auf mich zukommt. Jetzt möchte ich nur noch schlafen.

Dein Victor

 


Sehnsucht

Hier ist es, wie in einem Raum, ein Raum voll mit Dingen, Dinge die ich nicht kenne, Dinge die ich nie zuvor sah. Es ist, als bliebe mir die Luft aus, erdrückend.
Die Menschen gehen an mir vorbei, als gäbe es mich nicht. Es tut schrecklich weh, mit so vielen Menschen auf so engem Raum zu leben, nicht zu wissen, worüber sie sprechen, weshalb sie lachen oder gar weinen.
Es ist immer jemand um mich herum, es gibt keinen Ort, an den ich mich zurück ziehen kann, immer ist jemand da, doch trotzdem bin ich allein.
Mama kennt diese Sprache, Mama kann sie verstehen, ja aus Mama ist einer dieser vielen lauten stummen Menschen geworden.
Sie hat mich allein gelassen.
Wieso kann ich nicht zurück, zurück nach Hause.
Zu Hause, da, wo ich mich geborgen fühle. Zu Hause, da, wo ich glücklich bin. Zu Hause, da, wo ich wirklich sein kann, wer ich bin.
Sehnsucht ein Gefühl , das alles in mir zerreißt . . .
(Merle)

 

Neu, alles neu!

 

Wir fliegen direkt in den Sonnenaufgang. Unter uns ist eine graue Wolkendecke, die sich immer
mehr lichtet, je weiter wir in den Süden fliegen. Der Flug ist nicht lang, aber das Gefühl von etwas Neuem wächst mit jeder Minute.
Kaum verlassen wir das Flugzeug, treffen uns Sonnenstrahlen und zaubern ein Lächeln auf mein
Gesicht. Endlich, wir sind da.
Wir laufen vom Flughafen zu unserer Wohnung. Überall sind neue Sachen, Dinge, Menschen. Die Häuser sind hoch und gesäumt von bunten Balkonen mit Blumen und Wäscheleinen. Alles lebt. Es ist laut. Viele Autos hupen, aber das stört das friedliche Bild nicht. Über uns strahlt ein blauer Himmel mit ein paar Schäfchenwolken. Er verleitet zum Träumen.
Wir kommen auf einen der vielen Plätze. In der Mitte steht ein schöner, alter Brunnen. Viele Kinder, in
unterschiedlichstem Alter, die mit Rollern, Springseilen oder Bällen spielen, wenn sie nicht gerade auf den Rücken ihrer Väter turnen. Auf den Bänken rund um den Platz sitzen ältere Leute. Omas schauen glücklich ihren Enkelkindern beim Spielen zu und erinnern ihre Männer daran, dass der Müll noch raus muss. Über den Platz läuft ein schwarzer Hund, der von allen Kindern mit Begeisterung zum Spielen aufgefordert wird. Der Hund ist alt, er hat keine Lust. Er läuft an den Kindern vorbei direkt auf ein Café zu. Er weiß genau, dass er dort Essen bekommen wird.
Wir verlassen den Platz und gehen weiter. Die Straßen werden enger. Langsam geht die Sonne unter und lässt alles in einem roten Licht erstrahlen. In der Luft liegt ein Duft von Kaffee, Meer, Tequila und Freiheit. Die Menschen in den Straßen lachen freundlich, reden laut und ich verstehe kein Wort. Eigentlich schade! Wir kommen zu dem Haus, in dem unsere Wohnung sein soll. Es ist sehr schmal und die Klingelschilder sind verblichen. Zum Glück treffen wir sofort ins Schwarze. Unsere Vermieterin führt uns über eine schmale Treppe in den dritten Stock. Sie erklärt uns das Schlosssystem und uns ist sofort klar, dass uns das wohl noch einige Probleme machen wird. Dann lässt sie uns eintreten. Unsere Wohnung ist klein und verwinkelt, durchströmt von dem Licht der untergehenden, roten Sonne. Ein roter, alter, fetter Kater läuft uns entgegen. Sein Bauch schleift über den Boden, was doch seine rasante Schnelligkeit beträchtlich mindert. Er schmiegt sich an mein Bein.
(Maike)
Der Kaffee
Sie lässt ihren Blick durch ihre Küche schweifen. Ihr sticht der alte Gasofen ins Auge. Die eine Tür hängt schon schief in den Angeln. „Ich sollte sie mal reparieren lassen“, denkt sie sich. Über der Kücheninsel hängen Büschel von getrockneten Kräutern: Salbei, Rosmarin und Lavendel lassen all ihre Aromen durch den Raum streifen. Der Geruch nach frischen Brötchen hängt noch in der Luft.
Was ich schon alles erreicht habe und noch erreichen kann. Sie seufzt, schnappt sich ihren alten
Weidenkorb von der Anrichte, geht durch den Flur, wo Gummistiefel stehen und Regenmäntel
verstreut an den niedrigen Haken hängen. Vom Flur gehen alle Zimmer ab. Bei der Haustür
angelangt, dreht sie den Schlüssel herum und öffnet diese.
Sie tritt ins strahlend helle Sonnenlicht und kneift ihre Augen zusammen, um etwas sehen zu
können. Kühe starren sie von der gegenüberliegenden Seite mit riesigen Augen an. Kauend stehen sie da. Sie geht den schmalen Kiesweg bis zur kleinen grünen Gartenpforte. Ein wilder englischer Garten umrahmt das kleine, flache windschiefe Haus. Sie liebt dieses Haus , findet das es etwas Besonderes, Romantisches und Schützendes hat. Sie kann sich fallen lassen, wenn sie die Tür hinter sich schließt. Sie hat dann nicht mehr den Druck, etwas schaffen zu müssen, auf alles achten zu müssen, damit sie bloß keinen Fehler macht und womöglich jemand Schaden davon trägt. Sie zieht den langen Regenmantel enger um sich. Der Wind wird stärker und es ziehen langsam graue Wolken auf. Sie muss sich beeilen, um vor dem Regen wieder da zu sein. Unberührte grüne Hügel mit Schafen und Kühen ziehen an ihr vorbei, während sie weiter ihren Gedanken nachjagt. Gedanken, die sie schon eine geraume Zeit beschäftigen. Wird sie es ihnen weiterhin recht machen können? Wird es mal irgendwann schlechter um sie stehen? Kann sie ihnen alles geben und bieten, was sie zum Großwerden benötigen?
Sie ist so in Gedanken, dass sie gar nicht bemerkt hat, dass ihre Füße sie von ganz alleine zum kleinen Lebensmittelladen an der Ecke getragen haben. Die Glocke über der Tür bimmelt, als sie in den Laden tritt. Die kleine, dicke Frau hinter der Theke lächelt sie freundlich an. Sie lächelt zurück, doch es reicht nicht bis hinauf zu den Augen. Sie weiß plötzlich , warum sie hier nicht gerne einkaufen geht. Jetzt weiß sie es wieder.
Was wollte sie besorgen? Warum ist sie hier? Es fällt ihr nicht mehr ein. Um nicht nutzlos in der Gegend zu stehen, greift sie nach einer Packung Kaffee und geht zur Kasse. Kaum hat sie bezahlt, flüchtet sie aus dem Laden, flüchtet vor der Sehnsucht nach ihrer Mutter, die so wie diese kleine, liebe und alte Frau aussieht. Zurück zu Hause, möchte sie jetzt am liebsten, nicht mehr hier sein in diesem fernen und immer noch fremden Land: Irland.
Beschreibung eines Ortes
Wunderbares Gefühl – oh seliges!
Gerüche, Geräusche.
Geblendet von eminenter Sinneswelt, starrte ich hinab.
Es rauschte: laut, heiser und schnell.

Vieles war geschehen an jenem Tag.

Sie starrte lethargisch, ja kathatonisch, vor sich hin und nichts geschah vielerorts, als ich meine Hand hob und schnippste. Schnipp-schnapp! I’m singing in the rain.
Brausen, bloßes Brausen. Vor mir bildete sich Woge auf Woge, übergab sich mit emsigem Gemüt, so wie ich mich übergeben hatte. An jenem Tag.

„I-„, zitterndes Gebrabbel, aus meiner Sicht.

Sie stotterte.
Sag es, Kind!
Immerhin ein „I-„.Besser als nichts, dachte ich.

Verdammnis, Heiligtum in Verzweiflung, machte sich breit.

Ewige Verzweiflung ging einher mit zitterndem Mund.

Sie war quicklebendig gewesen. So war es mal. Und nun – ein bloßes „I-„.
Sie hätte sich niemals freiwillig zum Militär melden sollen; dann wäre sie noch gesund.
Doch nun, nun war es vorbei, das Leben. Ich mochte es nicht wahrhaben.
„I-„. Mehr nicht.

Ich streckte meine Hand aus, starrte hinab, seliger Abgrund, berührte das bewegte Wasser und erinnerte mich an die schönen Zeiten zurück.

Nichts geschah vielerorts an jenem Tag. Nur hier; hier begegnete mir viel. Ein „I-„, verzweifelter Versuch, „Ich“ zu sagen, zum Beispiel.

Viele behaupten, es wäre eine inhärent egoistische Tat, sich das Leben zu nehmen.
Doch dem ist nicht so.

Das rauschende Wasser lachte mich an. Weit war ich gefahren, um hier zu sein. Sehr weit.

Dem ist nicht so.
Denn man schafft einen Arbeitsplatz mehr, ist eine Last weniger für die eigenen Kinder und auch für die Freunde.

Kathatonisch starrte sie in die Leere.
Und ich beschloss dann und dort zu sterben.

(Viktoria)
Neuseeland
Ich blickte in den Himmel und wünschte mir augenblicklich, ich hätte meine Sonnenbrille ins Handgepäck getan. Ich blinzelte in die Sonne und sog langsam, aber intensiv die Luft ein. Neue Luft. Luft, die mir völlig fremd vorkam. So klar und rein und doch irgendwie bedrückend, durch die schwüle Wärme, die in der Luft lag; fast, als könnte man ein Loch in sie hineinschneiden und dadurch in eine völlig neue, fremde Welt treten, die einen alles andere vergessen ließ.                    
Ich wurde von dem Ansturm neuer Eindrücke geradezu überwältigt. Sie erdrückten mich jetzt beinahe so, wie eben die Luft es getan hatte. Doch ich konnte sie nicht abwehren. Und ich wollte es auch nicht. Ich war gefangen in dieser Welt der Faszination. Die Faszination, die dieser Ort in mir entfacht hatte, entfacht, wie ein großes, loderndes Feuer, dessen Flammen so heiß waren, dass es kein Entrinnen gab, steckte man einmal seine Hand hinein. Ich ließ mich auf sie ein, streckte meine Hand Richtung Wärmequelle und gab mich ihr ganz hin. Die Menschen aus meiner früheren Umgebung verschwanden aus meinen Gedanken, als hätten sie sich geradezu in Luft aufgelöst. Verweht, wie ein großer Aschehaufen, in den man hinein blies und dessen feine Körnchen sich auf der ganzen Welt verteilten, um dort einen neuen Aschehaufen hervorzubringen. Ich war eins mit der Natur, der Luft, die allmählich in meiner Kehle brannte, dem Wind, der sanft durch mein Haar fuhr und meine Gedanken durcheinander brachte und der Schönheit des Landes, die mich blendete, wie ein heller Blitz.
Blind vor Faszination, taumelte ich langsam und alles beobachtend vorwärts. Ich sog ein weiteres Mal die ungewohnte Luft tief in meine Lungen. Beinahe so, als würde sie meinen Brustkorb zum Platzen bringen. Ich versuchte alle Bilder, alles Neue aufzunehmen, zu speichern und für immer in meinem Gedächtnis zu verankern.
Ich hatte nicht gedacht, dass es mich so mitreißen würde, dass Neuseeland mich so in seinen Bann ziehen würde. Selbst die Bäume, wie sie dastanden mit ihren weitreichenden Ästen, getragen von den Lüften, sahen aus, als hätten sie heute nur auf mich gewartet. Als hätten sie ihre Arme ausgebreitet, um mich herzlich zu empfangen, um mir den Einstieg in mein neues Leben so einfach wie möglich zu gestalten. In mein Leben, welches ich mir ausgesucht hatte und aus dem es jetzt kein Zurück mehr gab.
Fernab von dem ganzen Großstadtgewimmel, den vielen Leuten, die an jeder Straßenecke ihre Schwätzchen hielten, den vielen Autos, die mit ihrem schlechten Atem die Luft verpesteten und weit weg von allem, was ich kannte und jemals geliebt hatte.
(Judith)
Die Ankunft

Ja, da ist es endlich. Uftenhusen — das wird meine neue Heimat sein. Dreimal hat sich mein Navigationsgerät schon verfahren, weil es einfach die Feldwege hier nicht kennt. Ich bin gespannt, wie es wohl hier ist so mitten auf dem platten Land. So eine Einsamkeit und Stille habe ich noch nie erlebt. Ja, ich war zwar mit meinen Eltern als Kind schon mal an der Nordsee, aber da habe ich nur überfüllte Touristenorte kennengelernt und große Sandburgen gebaut. Damals hätte ich nie gedacht, dass ich einmal anstatt Sandburgen zu bauen Windkraftanlagen entwickeln, geschweige denn, dafür sogar München verlassen würde. Ich fahre weiter auf der Suche nach meiner Wohnung, die mir mein Chef bereits gemietet hat. Da plötzlich hinter einer großen Scheune steht es, das alte Gutshaus, in dem ich zumindest einige Jahre wohnen soll. Ich parke mein Auto auf dem Hof und steige aus, sofort kommt mir der Geruch von Kühen und Schweinen entgegen. Ich bin zwar einiges gewohnt von den Toiletten auf dem Oktoberfest, aber so einen Gestank habe ich noch nie erlebt. „Moin“, höre ich mit tiefer Stimme einen Mann rufen. Ein älterer Herr sitzt auf einem kleinen Trecker und winkt.Er trägt ein Fischerhemd und eine schwarze Elbseglermütze, unter der blonde Haare hervor gucken. Ja so habe ich mir den echten Ostfriesen vorgestellt. Er steigt vom Trecker und fragt mich, ob ich der neue Mieter aus der Stadt sei. Freundlich antworte ich: „Wenn sie mit der ,Stadt‘ München meinen, dann liegen Sie mit Ihrer Vermutung richtig“. Der Bauer lacht laut auf und ruft „Was, ein Bayer? Wo hast du denn deine Lederhose?“. Na toll, mit weniger Vorurteilen konnte ich ja gar nicht begrüßt werden. Aber was soll´s, ich hatte ja auch eine Meinung über Ostfriesen gehabt, ohne einen vorher gesehen zu haben. Dass die hier wirklich so aussehen, wie sie in so vielen, meist humorvollen, Fernsehsendung dargestellt werden, hätte ich nie gedacht. Ich verkneife mir also einen blöden Kommentar zu den Vorurteilen über uns Bayern und folge meinem neuen Vermieter, namens Udo, wie ich unschwer an einer Stickerei auf seiner Mütze erkennen kann, in das Haus. Ein weitläufiger, kühler Flur mit Steinboden und eine alte, knirschende Holztreppe führen mich direkt in meine Wohnung. Die Wohnung übertrifft all meine Erwartung: Ich bin begeistert von ihrer gigantischen Größe und den wirklich schicken gemütlichen Möbeln. So etwas war ich gar nicht gewohnt, ich lebte in München zwar in einer absolut exklusiven Lage, aber in Sachen Enge war meine damalige Wohnung nicht zu übertreffen. Ich räume gerade meinen neuen Schreibtisch ein, da höre ich von unten Udo rufen, dass das Essen fertig sei. Obwohl ich keinen Hunger habe, begebe ich mich in die Küche, wo mir auch gleich Udos Frau entgegen kommt, die sich als Anneliese vorstellt. Wir setzen uns alle an den großen Tisch, an dem sicherlich fünfmal so viele wie wir Platz hätten. Anneliese stellt einen großen Topf auf den Tisch mit einer undefinierbaren rötlichen Pampe, sie nennt es Labskaus. Da ich sehr offen für exotische Gerichte bin, probiere ich es auch einmal und ich muss sagen, dass hier wirklich das Aussehen nichts über den Geschmack aussagt, das Labskaus schmeckt hervorragend. Während der Mahlzeit wird kein einziges Wort gewechselt, als wir das Essen dann mit einem Gläschen Korn beenden, bekomme ich ein ganz neues Bild von meiner Vermieterin. Sie beginnt mir alles aus ihrem 67-jährigen Leben zu erzählen, von ihrer Tochter, die erst Physiologie studierte, dann aber einen reichen Reeder geheiratet hatte und nun mit ihm in Hamburg lebt, über ihre letzte Reise nach Italien, die nun auch schon fast vierzig Jahre zurückliegt, aber auch sehr private Dinge, wie ihre neue Hüfte, die sie zu Weihnachten von ihrem Schwiegersohn geschenkt bekommen hat. Udo sitzt die ganze Zeit schweigend daneben und trinkt genüsslich ein Bier nach dem anderen. Am späten Abend verspricht mir Anneliese noch, dass ihr Mann mich morgen mit seinem Auto zum Haus meines neuen Chef fahren würde, über dessen Hausfinanzierung und dessen Liebschaften ich dank Anneliese nun bestens Bescheid weiß. Ich verabschiede mich und begebe mich zurück in meine Wohnung, in der ich mit der Vorfreude auf einen weiteren spannenden Tag friedlich einschlafe.

(Christopher)

 

New York, die Stadt, die niemals schläft

 

Das Flugzeug geht in die Luft, ich habe jetzt 15 Stunden Zeit, mich von meinem alten Leben zu verabschieden und mich auf mein neues Leben zu konzentrieren. Ob es eine richtige Entscheidung war, meine Familie und Freunde zurückzulassen? Ich weiß es nicht……

Weiter komme ich mit meinen Gedanken nicht, ich bin einfach zu müde und schlafe im unbequemen Flugsessel ein. Von der Stimme der Stewardess werde ich aus meinem Schlaf gerissen. Auf Englisch bittet sie mich, dass ich mich anschnallen soll, da wir gleich den Flughafen von New York erreichen. Ich bin erstaunt, wie schnell das ging. Nach der Landung drängeln sich alle Passagiere aus dem Flugzeug, ein Kind weint. Ich bin die letzte. Ich hole schnell meine Koffer und schon bald bin ich mit einem typischen New Yorker Taxi auf dem Weg. zu meiner neuen Wohnung. Die Taxifahrt dauert 45 Minuten, es kommt mir dennoch viel länger vor. Es sind die Eindrücke, die mich überwältigen. New York ist viel größer, als ich es mir vorgestellt habe. Ich kenne New York bis jetzt nur aus dem Fernsehen oder von Bildern. Es ist viel besser, größer und lauter. Der indische Taxifahrer sülzt mich mit seinem schlechten Amerikanisch voll. Folgen kann ich ihm nicht, möchte ich auch nicht. Was aus dem Autofenster alles zu sehen ist, ist viel spannender. Die vielen Menschen, die vielen Autos und die hohen Wolkenkratzer. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir fahren direkt durch die 5th Avenue, vorbei am Empire State Building und am Rockefeller Center. Ich bin so aufgeregt. New York ist wunderschön. Nach gefühlten zwei Stunden Taxifahrt erreiche ich meine neue Wohnung. Ich bezahle den Taxifahrer, danke ihm und steige aus. Wow, so gut sah es auf den Fotos nicht aus. Ich wohne direkt über einer Bäckerei. Es riecht nach frisch gebackenen, warmen Brötchen, Lecker! Als ich endlich mein Gepäck in die dritte Etage geschleppt habe, bin ich erleichtert. Endlich bin ich da. Ich schließe die rote, etwas kleine Haustür auf. Das Gepäck lass ich einfach auf dem Flur stehen und laufe als erstes schnell zum Fenster in der Küche: Ich will noch mehr von New York sehen! Gegenüber meiner Wohnung liegt ein großes, gläsernes Hochhaus, indem sich mein Haus spiegelt. Es sieht toll aus. Unten laufen hektisch Menschen ins Haus, rein und raus. Sie tragen fast alle Anzüge und feine hübsche Kleider. Ich hole mein Gebäck aus dem Flur und trage es mühevoll in die möblierte Wohnung. Das Bett sieht groß und gemütlich aus. Der Jetlag erreicht mich langsam. Ich werde müde, obwohl ich im Flugzeug so viel und so lange geschlafen habe. Ich gehe zu Bett und freue mich auf den nächsten Tag.

(Liza Marie)

 

Der geheimnisvolle Garten

 

Es war eine Woche nach meinem 19ten Geburtstag. Meine Heimatstadt, Pjöngjang, fiel im Zuge des 3. Weltkrieges den Briten zum Opfer. Inzwischen hatten sie schon mehr als die Hälfte aller Landflächen der Erde erobert und breiteten sich weiterhin aus. Sie schienen nicht mehr aufhaltbar, und ich konnte mir auch nicht mehr vorstellen, wohin wir, meine kleine Schwester, mein Vater und ich, nun gehen sollten. Von Verzweiflung und Angst getrieben traten wir also die Suche nach einer neuen Heimat an.
Alles begann damit, dass wir nach mehreren Tagen des Reisens am Abend an einer Raststätte haltmachen wollten. Wir waren alle sehr erschöpft, und unsere Lebensmittelvorräte neigten sich dem Ende. Doch man gewährte uns, wie schon so viele Male, keinen Einlass. Jeder wusste, dass Nordkorea nun englische Kolonie war, und niemand wollte sich Ärger mit dem britischen Reich einhandeln. Also zogen wir weiter, orientierungslos und ohne Ziel. Keiner wusste mehr, wo wir überhaupt waren, der Sprache nach zu urteilen vermutlich in einer Region Chinas. Am selben Abend passierte es dann. Wir fuhren gerade mit unserem Käfer durch ein kilometerlanges Reisfeld. Der Ort war von Stille umgeben und die einzigen Lichtspender waren eine Schar von grün aufleuchtenden Glühwürmchen. Plötzlich stand ein alter Mann, mit langem grauen Bart und schwarzem Mantel mitten auf der Straße.
Die Zeit schien für einen Moment still zu stehen, der Mann blickte kurz auf und warf uns einen eiskalten Blick entgegen, und doch war sein Gesicht von einem freundlichen Lächeln erfüllt.
Im nächsten Moment drehte sich alles um mich herum, bis wir mit einem Ruck stehen blieben. Ich blickte hinaus und sah einen Baum mit dem Umfang eines Elefanten vor uns. Vater musste versucht haben dem alten Mann auszuweichen und war dabei ins Schleudern gekommen. Da sich da Auto verständlicherweise nicht mehr starten ließ, stiegen wir aus, um uns umzuschauen und erblickten ein riesiges altertümliches Landhaus mit einer baumhohen Eingangstür zu unserer Rechten. Mein Magen machte sich durch ein mulmiges Gefühl bemerkbar, und mir war auch nicht klar, warum uns ein so großes Haus nicht schon viel früher aufgefallen war. Und es kam noch schlimmer: Als ich zurückblickte, konnte ich weder die Straße, auf der wir entlanggefahren waren, noch das kilometerlange Reisfeld erblicken! Das einzige was blieb, waren die grün aufleuchtenden Glühwürmchen.
„Vater, was sollen wir nun tun? Wo sind wir?“
Mein Vater hob seinen Kopf aus der Motorhaube und sagte mit einer besänftigenden Stimme: „Nur die Ruhe bewahren, sicherlich wohnen in dem Haus dort verständnisvolle Leute, die uns Einlass gewähren.“
„Hilf erstmal deiner Schwester aus dem Wagen.“
Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass uns überhaupt noch jemand aufnehmen würde, doch gleichzeitig war ich verblüfft darüber, wie mein Vater trotz unserer Lage immer noch so zuversichtlich klingen konnte.
Ermutigt holte ich also erstmal meine zwölfjährige Schwester aus dem Auto. Sie war von Geburt an blind und tat sich daher schwer, alleine zu laufen.
Die Haustür war wirklich riesig, es war keine Klingel zu sehen, nur zwei mit Löwenköpfen garnierte Türklopfer. Ich trat einen Schritt näher, voll Angst und doch so voller Neugier. Als ich den Türklopfer anhob, bemerkte ich, wie meine Hand zitterte. Alles schien so surreal.
Doch dann fasste ich meinen gesamten Mut zusammen und schlug den Türklopfer in einem Atemzug gegen die betonharte Tür. Ein dumpfer Schall hallte durch das Gebäude, bis sich die Tür öffnete und uns eine junge Dame von graziler Gestalt durch den Türspalt entgegenblickte.
„Tretet ein. Ihr seid schon so weit gereist.“
Voller Erleichterung traten wir ein. Während mein Vater vergeblich versuchte, die junge Dame, vermutlich ein Dienstmädchen, in ein Gespräch zu verwickeln, um ein paar Informationen über den Ort zu erhaschen, blickte ich, die Hand meiner Schwester haltend, den nicht endenden Flur entlang auf eine kleine Tür. Alles war sehr beeindruckend, die Wände waren sicherlich vier bis fünf Meter hoch. Doch außer der beachtlichen Größe der Einrichtung verunsicherte mich noch etwas.
„Wieso konnte das Dienstmädchen koreanisch und wieso gewährte man uns anstandslos Eintritt?“
Trotz meiner Unsicherheit war ich froh. Froh darüber, dass wir, wenn auch nur vorläufig, nun ein Bleibe gefunden hatten. Froh darüber, dass wir uns nun endlich erholen und ausruhen konnten. Dafür wollte ich dem Herrn dieses Hauses natürlich meinen innigsten Dank aussprechen. Und so ging ich den endlosen Flur entlang. Voller Erwartungen wurde ich schneller und schneller. Am Ende angekommen, verschnaufte ich kurz und öffnete die Tür.
Doch alles, was sich hinter dieser Tür befand, war ein gemütliches Wohnzimmer. Von der Tür aus blickte man direkt auf ein loderndes Feuer in einem steinernen Kamin. Auf der rechten Seite stand ein kleiner Schrank mit vielen Trophäen, darüber hingen einige alte Gemälde von bekannten Komponisten der Romantik. Zu meiner Rechten stand ein langer Tisch, gedeckt für drei Personen. Nichtsdestotrotz waren ich und meine Schwester die einzigen Menschen in diesem Raum. Ich fühlte mich einsam.
„Es riecht hier so gut“, sagte sie. „Ich habe Hunger.“
Auch mein Magen knurrte, und so begaben wir uns zum Tisch und aßen. Eine Weile später gesellte sich auch unser Vater zu uns, das Dienstmädchen kam nach. Sie sagte nichts, stand einfach nur da und wartete. Das Essen war köstlich. Von einer Gans über verschiedene Fischsorten bis hin zu einer großen Gemüseplatte war wirklich alles vertreten. Die Menge war natürlich übermäßig groß, und so blieb der Großteil des Essens unangetastet auf dem Tisch liegen.
Als unsere Mägen gefüllt waren, führte uns das Dienstmädchen durch eine weitere Tür aus dem Raum in einen Gang voller Türen.
„Die vierte links.“
Verdutzt guckte ich das Dienstmädchen an. Sie schien mich gemeint zu haben. Nach kurzem Zögern ging ich zu der besagten Tür, sie sah aus wie jede andere in diesem Raum auch.
„Garden of Joy“, hieß es auf einer kleinen Aufschrift.
Ich blickte noch einmal zurück, doch ich war allein. Weder meine Schwester, noch mein Vater, noch das Dienstmädchen waren mehr da. Schon wieder machte sich mein Magen durch ein mulmiges Gefühl bemerkbar, ich hatte Angst. Jedoch siegte die Neugier und so öffnete ich die Tür.
Was sich hinter dieser Tür verbarg war unfassbar. Es war wie im Himmel. Ein wunderschöner Garten bot sich mir dar. Als ich ihn betrat, vergaß ich für einen Augenblick meinen ganzen Körper, ich spürte weder meine Arme noch meine Beine, nur das seidig feine Grass unter meinen Füßen. Vor meinen Augen erstreckte sich eine gewaltige Wiese mit vielen Blumen, von einer Eleganz und Schönheit, wie ich sie mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. In der Mitte lag ein riesiger Teich mit kristallklarem Wasser und einigen seltsamen Fischen. Viele hatten ringförmige Flossen und sahen auch sonst sehr rund aus. Trotz der Dunkelheit konnte man alles sehr gut sehen. Alle Pflanzen und sogar der Teich schienen in einem schimmernd grünen Licht zu erstrahlen. Nun fiel mir auch auf, dass überall die gleichen grünen Glühwürmchen, wie auf dem Reisfeld, zu sehen waren, nur diesmal in einer Anzahl, dass sie den ganzen Garten erleuchteten. Plötzlich hörte ich jemanden spielen. Jemand spielte in diesem Garten Klavier, es schien ganz nah und doch konnte ich niemanden sehen.
Ich machte einen Schritt darauf zu. Es fühlte sich an, als würde mein Körper über das Gras schweben, als herrschte keine Schwerkraft in diesem Garten.
Doch dann drehte sich alles um mich herum und mir wurde schwarz vor Augen.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich eine wunderschöne alte Dame mit einem blutroten Gewand. Der Raum um Sie herum war von Wärme überstrahlt und mit Licht durchflutet, obwohl es keine Lampen in dem Zimmer gab. Um mich herum standen viele Antiquitäten und alte Möbelstücke. Ich lag in einem federweichen Bett inmitten eines riesigen Saales.
„Guten Morgen“, sagte die alte Dame.
„Du bist gestern in unserem Garten umgekippt.“
Im nachhinein stellte sich heraus, dass ich vor Begeisterung vergessen hatte zu atmen und durch die Reise erschöpft in einen tiefen Schlaf gefallen war.
Plötzlich klopfte es an der Tür…
(Dieses ist der Anfang von einem längeren Text, der noch nicht fertig ist…..)
(Ingo)