Yadé Kara: Interview

Frau Kara, bei Ihrer Lesung wurde erwähnt, dass Sie auch Schauspielerin waren. Während des Workshops, als die Texte der Schüler besprochen wurden, haben Sie gesagt, eine der Geschichten sei wie ein Drehbuch geschrieben. Wenn Sie selbst schreiben, haben Sie auch eine Art Drehbuch im Kopf? Beziehen Sie Ihre Erfahrungen als Schauspielerin in das Schreiben mit ein?

IMG_5263.jpgWenn man schauspielert, dann steht man ja vor der Kamera. Das Drehbuch schreiben eigentlich andere, andere haben das Drehbuch im Kopf. Man agiert als Schauspieler. Wenn ich schreibe, dann ist es so, dass ich mit dem Ohr schreibe. Ich höre die Figuren reden. Ich denke nicht in Szenen. Zum Beispiel in der erste Szene, da kommt jetzt das und dann in der zweiten Szene passiert dies. Bei mir ist das eher spontan. Ich schreibe ziemlich durcheinander, nicht der Reihenfolge nach, Kapitel eins, zwei und drei, sondern zunächst durcheinander, und wenn ich dann viel Text habe, dann fange ich an zu ordnen: Was passt wohin? Ich denke folglich mehr figurenorientiert, als in Sequenzen oder Drehbuchform, wenn ich schreibe.

Sie sind dreisprachig aufgewachsen. Denken und träumen Sie in allen drei Sprachen gleichermaßen? Oder überwiegt eine Sprache?

Das ist sehr personenabhängig. Es kommt darauf an, von wem ich träume und mit wem ich welche Sprache spreche. Wenn ich von meinen Schulfreunden träume, dann natürlich meistens auf Deutsch. Wenn ich von meinen Großeltern träume, ist es auf Zaza. Wenn ich von meinen Freunden in London träume, mit denen ich wirklich nur Englisch gesprochen habe, natürlich auf Englisch. Also es ist wirklich personenbezogen. Ich würde nicht auf einmal mit einer Freundin aus London in einem Traum Deutsch sprechen. Das geht ja nicht.

IMG_5268.jpgWürden Sie sagen, dass Sie ein anderes Gespür für Sprachen bekommen haben, dadurch dass Sie mit verschiedenen Sprachen aufgewachsen sind?

Später habe ich ja auch noch Englisch gelernt und dann Französisch und in der neunten Klasse Latein. Ich kam zu einem Punkt, an dem ich fünf Sprachen in meinem Alltag hatte. Natürlich hat das Lernen von Sprachen auch viel damit zu tun wie, man veranlagt ist. Man entwickelt schon eine Art Sprachempfinden oder zumindest ein Ohr für Akzente, für Betonungen und man hat ja auch die Möglichkeiten, Sprachen zu vergleichen, wenn man polyglott ist. Aber eine Sache, die vielen Kindern nicht von klein auf bewusst ist, war für mich alltäglich: Und zwar, dass Menschen auf der Welt verschiedene Sprachen sprechen. Ich kannte es schließlich nicht anders.

IMG_5266.jpgWelche Sprache haben Sie zu Hause gesprochen?

Das war gemischt. Mit meinen Geschwistern habe ich öfters Deutsch gesprochen.

Oft passiert es, dass, wenn man mehrere Sprachen spricht und man genau weiß, dass sein Gegenüber diese Sprachen auch beherrscht, dass man zwischen den Sprachen hin- und herspringt. Man sagt beispielsweise einen Satz auf Türkisch und wirft ein Wort in einer anderen Sprache: Deutsch oder Englisch oder welche Sprache auch immer, in den Satz rein.

Es kommt oft vor bei polyglotten Menschen, dass sie sich aus zwei Sprachen ein Mischmasch machen. Man weiß schließlich: Der andere versteht mich.

In Bezug auf die Orte der Zukunft, über die wir gerade in dem Workshop Texte verfasst haben: Haben Sie durch ihre vielen Reisen und die verschiedenen Gesellschaften, in denen Sie aufgewachsen sind und die Sie erlebt haben, eine Traumvorstellung von einem Zukunftsort?

Ich habe Ansätze von dem, was ich mir wünsche, allerdings sind diese noch nicht ganz zu Ende geführt. Zum Beispiel wäre es sehr schön, wenn mehr europäische Städte so reich wären, wie die Schweiz. Außerdem würde ich mir wünschen, dass europäische Städte eine größere kulturelle und ethnische Vielfalt hätten, so wie London und dazu so warmes und schönes Wetter, wie ein Großteil der spanischen Städte. Das wäre ideal.

Ich würde mir auch ein größeres europäisches Gemisch wünschen, obwohl das vielleicht utopisch ist.

Was die Nachbarschaft angeht, ist ein Beginn einer größeren Mischung von Kulturen zu sehen, trotz der Grenzen in den Köpfen mancher Menschen.

Durch die Öffnung der Ostgrenze, wird dies sich wahrscheinlich auch noch weiter entwickeln. Diese Kinder werden die neuen Europäer.

IMG_5269.jpgMeine Generation ist in einem Europa aufgewachsen, ohne den Ostblock, und ich denke, dass es in zehn bis zwanzig Jahren für europäische Kinder normal sein wird, beispielsweise in Bremen aufgewachsen zu sein und in Rom zu studieren.

Wenn die ganzen Regeln, die Schule und Bildung betreffen, in Europa vereinheitlicht werden, wird es meiner Meinung nach auch einfacher werden, sich zwischen den europäischen Staaten, während der Ausbildung zu bewegen.

Anfänge sind bereits zu erkennen, zum Beispiel Austauschprogramme oder Kooperationen zwischen Schulen innerhalb Europas. Die meisten Europäer sprechen ja schließlich auch schon mindestens zwei Sprachen und das ist eine Entwicklung, die in den kommenden Jahren hoffentlich noch ganz andere Ausmaße annehmen wird.

Glauben Sie, dass man mit grenzüberschreitender Literatur, wie zum Beispiel in ihrem neuen Roman, bei dem der Protagonist verschiedene Länder kennenlernt und Kulturen sich mischen, etwas verändern kann oder zumindest Akzente setzen kann?

Ich hoffe es, ich wünsche es mir sehr, aber etwas verändern, vor allem auch Menschen verändern, ist immer sehr schwierig. Ich glaube, jeder einzelne Mensch kann sich selbst verändern aber, dass ein Buch, ein Musikstück oder ein Kunstwerk einen Menschen verändert, das halte ich für fragwürdig.

Ein Kunstobjekt, sei es Literatur, Musik oder ein Gemälde kann auf jeden Fall Anregungen geben, eine Idee bringen, zum Nachdenken anstoßen oder einen neuen Horizont schaffen. Den Menschen im Grunde zu verändern, das halte ich, ohne den eigenen Willen dies zu tun, fast immer für unmöglich.

 

Dieses Gespräch führten Vanessa Guinan-Bank und Marika Gonther  am 23.10.2009 im Wallsaal der Zentralbibliothek Bremen.

Transkribiert von Vanessa Guinan-Bank und Marika Gonther

 

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