Susanne Berkenheger: Porträt

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1963 geboren und groß geworden ist sie in Stuttgart, leben tut sie nun in Berlin. Nach einem Literaturstudium arbeitete Susanne Berkenheger als Autorin und Journalistin für Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Sie bezeichnet sich selbst als „Chatttheaterspielerin“, „Netzkünstelerin“ und „Digitale Territoriumspflegerin“ und das zu Recht. Denn seit 1997 beschäftigt sich Berkenheger mit dem Internet bzw. seinen literarischen Konsequenzen. Sie wurde bekannt mit Browser-basierten Werken, mit denen sie versucht, die Möglichkeiten von Computerprogrammierung mit denen der Literatur zu verbinden. Soll heißen: Nicht nur der Leser agiert sondern auch das Werk selbst. Klingt komisch, ist es auch.

Und erfolgreich: Denn 1997 bereits gewann Berkenheger mit ihrem Debüt „Zeit für die Bombe“ den Internet-Literaturpreis der ZEIT. Und weitere Auszeichnungen folgen. Mit ihrem Nachfolgewerk „Hilfe!“ gewann sie 1999 den Ettlinger Internet-Literaturpreis und „Die Schwimmmeisterin“ (2002) wurde vom Deutschen Literaturfonds gefördert und sowohl im Haus der Kunst in München, als auch im Netherlands Media Art Institute in Amsterdam ausgestellt.

2003 dann erfand Susanne Berkenheger mit Gisela Müller zusammen die Worldwatchers, das sind kurze literarische Texte, die sich mit den Bildern von Webcams irgendwo auf dem Globus speisen.

Im selben Jahr schrieb sie, als Stipendiatin der Thyll-Dürr-Stiftung, mit Klaus Ungerer den dramatischen Text „Hirnfunk vom Mond“ und das per Chat. Damit knüpfte sie an den „Kampf der Autoren“ (1999) an, dessen Rohmanuskript sie mit drei weiteren Autoren via gemeinsamen Chattens schrieb und 2000 beim Stuttgarter Filmwinter uraufgeführt wurde.

Und die Kette der Auszeichnungen reißt nicht ab. 2005 gewann sie den ersten Internationalen Preis „Ciutat de Vinaròs“ für digitale Literatur in Barcelona und 2008 den CYNETart-Preis.

Nun, 2009, freut sie sich über die „Bremer Netzresidenz“ und begibt sich auf eine „Expedition ins Accountleichenland“, so auch der Projektname. Dabei wird sie Literarische Funde auf einem Webblog veröffentlichen und zwar von einer Forschungsstation in Second Life, einer virtuellen, fast zweiten Welt, aus. Die dreimonatige Expedition ist für alle Interessierten offen und jeder ist eingeladen, sich dem Forschungsteam anzuschließen.
Nicht umsonst nennt man sie „Die Online-Literatin“, denn wie keine andere nutzte und nutzt Susanne Berkenheger das Medium Internet als Kunstplattform.

(Jan/ Nadia)

 

Und hier die Erklärung der Autorin selbst für alle Workshopteilnehmer, die bei ihrem Projekt „Expedition ins Accountleichenland“ mitmachen werden:

Mein Avatar und ich von Susanne Berkenheger:
Wer im Internet eine virtuelle Welt, wie etwa Second Life, besuchen will, braucht zuerst mal einen Avatar. Das ist so eine kleine Computerfigur, die man je nach Laune atemberaubend schön, ekelerregend hässlich oder einfach nur normal aussehen lassen kann. Mit diesem Avatar ruckelt man dann durch die 3-D-Welt. Die meisten Menschen machen sich jetzt natürlich nur wenig Gedanken darüber, was ein Avatar so denkt oder fühlt, ob er es etwa gut findet, dass er als ekelerregendes hässliches Monster rumlaufen muss. Schließlich ist der Avatar ja nur eine kleine Computerfigur. Der kann ja gar nicht denken und fühlen. Klar. Was aber, wenn doch? Was, wenn man sich genau das mal auszumalen versucht? Wie geht’s wohl so einem Avatar? Nervt es ihn vielleicht, dass er immer genau das machen muss, was sein Besitzer will? Möchte er sich vielleicht ausgerechnet mit jenen Avataren befreunden, deren Freundschaftsangebote sein Besitzer immer ablehnt, weil er findet: He, die sind echt kein guter Umgang für dich. Oder denkt sich der Avatar nur: Komisch, warum befreunde ich mich eigentlich nie mit den Avataren, die ich gut finde? Denn: Weiß der Avatar überhaupt, dass es da draußen außerhalb des Computers noch eine andere Welt als die seine gibt, eine echte Welt mit einem echten Avatar-Besitzer drin? Weiß er, dass dieser daran schuld ist, dass er aussieht, wie er aussieht? Will er diesen Typen vielleicht mal kennen lernen? Wie aber könnte er das machen und was sagt er ihm dann?

Eines ist klar: Ein Avatar hat es nicht leicht. Mein eigener Avatar Muji Zapedzki beklagt sich darüber immer wieder bitterlich oder beschimpft mich gar – über E-Mails, Weblogs und Kurznachrichten auf Twitter. Einige Beispiele davon werden auf der Lesung am 25. November ab 19 Uhr in der Bremer Zentralbibliothek zu hören sein. Weitere Avatargeständnisse – frohe oder verzweifelte, euphorische oder wütende – werden wir beim Workshop am Donnerstag, 26. November, verfassen.

Muji Zapedzki und ich, die Accounthalterin Susanne Berkenheger, freuen uns schon darauf.

 

(Susanne Berkenheger)