Ergebnisse aus den Workshops mit Mathias Gatza vom 28.1.2009

Stoned

Der da, das sabbernde Wrack, das gedankenverloren, mit wässrig unstetem Blick die Tapete bewundert und dabei versucht, sich an so vielen Stellen seines Körpers wie möglich zu kratzen, der, der ist stoned.

Und die beiden, der eine, sich mit unmerklich geöffneten Augen in einem unproportional großen Korbstuhl suhlend, der andere aus selbigem Zustand gerade erwachend und zur Sprühsahnedose kriechend, getrieben vom unbändigen Verlangen, diese in seinem Mund und überall sonst auch zu entleeren, diese beiden, die sich für die Idee einer ökologisch politisch korrekten Wachtelzucht ereifern, vor Tatendrang nur so strotzen, doch gegen ihren sofortigen Arbeitsbeginn das Argument ihres momentanen Zustands als alles stechenden  Trumpf ausspielen, diese beiden, die sind auch stoned. Und der andere da, der mit dem Jointstummel, der langsam nicht mehr als rauchbar bezeichnet werden kann, der gerade monologisierend Parallelen zwischen Jointstummeln und Ohrschmuck zieht, dabei nach jedem Satz ,wie von einer höheren Macht dazu angehalten, ein trockenes, mal zu hohes mal zu tiefes Lachen einfügt, und dich dabei andauernd apathisch anblickt, der ist auch stoned. Und du? Du, der du dich bis jetzt noch nie dazu durchgerungen hast, diesem ‘Teufelszeug’ abzuschwören, aber deiner allzu besorgten Freundin zuliebe eine unbefristete Pause einzulegen bereit bist, du, der du heute mit dieser auf völlig unangebrachten Ängsten basierenden Pause begonnen hast und diesen Schritt aus Liebe zu deiner vermeintlich verantwortungsbewussten Freundin –  die sich letztens erst beim Kampftrinken die Bluse voll kotzte und sich von dir als einzig nüchtern Gebliebenem nach Hause fahren ließ – bei Beobachtung deiner lustig vor sich hinstarrenden Freunde längst bereust, du bist leider gar nicht stoned.

(Josh)

 

Mein Vorbild…..

Er schreibt Gedichte und veröffentlicht sie. Dann sitzt er auf dem Sofa und meint:“ Jetzt gebe ich mal an, Tochter.“ Wie viel Abwertung steckt in diesem Satz? Er selbst kündigt an, jetzt mal anzugeben und zeigt so unglaublich deutlich, wie überlegen er sich fühlt. Angeben an sich ist schon eine heikle Sache und durchaus negativ besetzt, aber dann auch noch genau aussprechen, dass man es jetzt sofort in diesem Moment tun wird. Impliziert es nicht: Ich, und nur wirklich ich kann es mir leisten, so unmissverständlich anzugeben? Mit den Worten “Jetzt gebe ich mal an..:“ wird hier direkt benannt, dass man anscheinend nicht einfach mal über seine eigenen Leistungen spricht, sondern prahlt, eben angibt. Man weiß, es ist keine sachliche Erklärung für die eigenen Texte, sondern klipp und klar bedeutungsschwangeres Gefasel, extremes Eigenlob bis hin zur Selbstverliebthei. Der Ausruf „Tochter“ danach, bei dem mir, der unfreiwillig Angesprochenen, nicht einmal in die Augen geschaut wird, gibt mir klar zu verstehen ,dass gerade nur irgendeine seiner drei Töchter – Hauptsache ein Nachkömmling des genialen Dichters – zum Angeben genutzt wird. Eine gezielte Person ist da nicht vonnöten, ( sonst hätte er mich doch wohl angeschaut, oder?) nur irgendeine von uns, die wir jahrelang Sklaven seiner Selbstüberschätzung sind, hat er im Kopf, wenn er uns als „gebildet, toll und zeitlos“ bezeichnet. Nicht ein einziges Mal interessiert mein Vater sich aufrichtig für meine Angelegenheiten. Nicht einmal das Zimmer in seinem Haus, welches ich bewohne, ist ihm genauer bekannt. Dies betritt er nur dann, wenn er jetzt auf der Stelle eine „angemessen bewertete“ Deutschklausur lesen will, um sich vielleicht wenigstens der halben  Weitergabe seines Talents versichern zu können, und geht dann ohne ein weiteres Wort aus der Tür. Wenn Bekannte aus seinen Kreisen zu Besuch sind, die freilich nicht siebzehn Jahre voll Leid, Liebe und Auseinandersetzungen Wand an Wand mit ihm gelebt haben, und denen dann übertrieben viel Zuneigung und sogar Selbstaufgabe entgegen gebracht wird, schwärmt Man(n) von mir als eine der drei grandiosen Töchter, und ich bin plötzlich interessant.

(Helene)

 

 

Idole

Ich mache den Fernseher an. Ein Pfiff. Viele Männer mit nur wenig Bekleidung, alle haben rote Gesichter und schwitzen. Und wieder mal geht es um einen Ball. Man darf ihn sogar in die Hand nehmen und so versuchen, ihn von einem Ort zum anderen zu transportieren. Der Sport heißt „Handball“. Sinn des Spiels, so erscheint es dem objektiven Betrachter, ist es, in einem begrenzten Feld von Punkt A nach B und wieder zurückzulaufen, dabei seinen eigenen schwitzigen Körper an den anderer Spieler zu drücken und dabei so zu tun, als ginge es um einen kleinen Ball. Doch diese Täuschung gelingt nur selten. In Wirklichkeit nämlich ist Handball nur ein Kampfsport, stumpfes Aufeinanderrennen und den Gegner dabei so doll wie möglich verletzen, ohne dass der Schiedsrichter dies bemerkt. Und mit welcher Motivation findet all dies statt? “Spaß“, heißt immer wieder die Antwort. Natürlich, man bekomme auch Geld, aber das Hobby zum Beruf zu machen, sei schon immer der größte Traum gewesen. Und mehr als das ist es nicht: Ein Hobby, kein Beruf! Und reicht Spaß als Begründung aus, sich gegenseitig solche Verletzungen wie Nasenbeinbrüche, Rückenverletzungen bis zum Bandscheibenvorfall oder Bänderrisse zuzufügen? Und wird mal verloren, so wird, natürlich, die Schuld schnellstens auf die Schiedsrichter geschoben. Ein bisschen fühlt man sich in die Zeit des alten Roms versetzt. Primitive Wettkämpfe, welche heute noch verstärkt durch Radio, Internet, Fernsehen und Zeitung an die Menschen weitergegeben werden, die sich der Faszination dieser stumpfen Kämpfe nicht entziehen können. Die Halle ist die Arena. Die Spieler sind die Gladiatoren, die Kämpfer. Die eigenen Körper sind die Waffen und noch immer sind die neugierigen Zuschauer die sensationslüsternen Zuschauer, die sich das Aufeinandertreffen zweier Teams nicht entgehen lassen wollen. Ihre Verletzungen sind hochinteressant, springen mir schon von Seite eins der Nachrichtenblätter fast ins Gesicht:„Die Wade der Nation verletzt, wie soll es jetzt weitergehen? Notstand. Eine Katastrophe!“ Was interessiert mich die Wade von diesem einen, wie heißt der noch gleich? Die kleben sich doch sicher wieder ein bisschen weißes Pflaster- Eingeweihte nennen es Tape- auf die Stellen, die ihnen ach so große Schmerzen bereiten, und so werden doch erst Mitspieler und Zuschauer viel aufmerksamer auf die Verletzung, die sonst keiner bemerkt hätte. Auf Seite drei ein Bericht, der fast die gesamte Hälfte der Seite beansprucht und mir das Problem schildert, was ein zwei Meter großer, mit blond gefärbtem Irokesenschnitt ausgestatteter Spieler mit seinem linken Knie hat. Oder war es das rechte? Wen interessiert das schon? Und was für Sportler sind das eigentlich? Die Athleten werden immer mit „echten Männern“ verglichen, die würden noch ordentlich etwas aushalten und wären durchtrainiert, ja, Gladiatoren eben. Aber ganz ehrlich, was können das schon für „echte Männer“ sein, wenn es der ehemalige Bravo- Boy von 2002 in die Nationalmannschaft schafft?

(Hannah)

 

Innerer Monolog:

„Idole. Pff… Was ist schon ein Idol anderes als eine Person, die etwas Relatives so gut vermarktet, oder peinlicher noch: vermarkten lässt, dass man der Überzeugung ist, es niemals derart zu besitzen. Sei es eine Fähigkeit oder eine Einstellung. In Wahrheit ist es nämlich so, dass diese eine kleine Sache diesen Gestalten eine Fassade bietet, hinter der sie sich verstecken können. Aber schaut man mal dahinter, hat man Glück, wenn man erkennt, sie seien ja nur „normal“. Idole sind etwas für Leute, die selber nichts zu vermarkten haben. Ich hatte auch mal welche. Bob Marley zum Beispiel, um einen zu nennen. Bob Marley. Unfassbar. Heute kennt ihn wahrscheinlich sowieso keiner mehr. Kein Wunder, ist ja auch schon tot. Bob Marley bezeichnete sich selbst stolz als einen „Rastafari“ was nichts anderes bedeutet, als dass man sich nicht mehr die Haare wäscht und sich selbst Cannabis für den Eigenbedarf legalisiert. Und was macht man dann so? Man hat ja ohne Duschen noch mehr Zeit als arbeitslose Grinsebacke. Die Antwort auf diese Frage beantworteten sie dann mit ihrer sogenannten „Musik“, dem Reggae, dessen Merkmal in erster Linie nur ist, dass jedes Lied plötzlich doppelt so lange dauert. Kein Wunder, wenn man den ganzen Tag nur an Joints saugt. Da kann man dann eben nicht mehr so schnell. Vorne weg eben dieser Bob Marley. Aber alles kein Problem, Hauptsache der Text stimmt. Dann dichtet man sich was zusammen, was nebenbei auch in diesem Zustand nicht allzu schwer ist, da man einfach jedes Wort auf A enden lässt, und singt was von Liebe und Frieden oder anderen Rastas, denen es nicht so gut geht. Das gefällt jedem. Auch den Nicht-Rastas, die dann immerhin von sich behaupten können, sie hörten Musik mit politischer Aussage oder so etwas. Und falls das alles nicht wirkt, hält man als Rasta noch ein As im Ärmel: In diesem Fall Veganismus. Ich hab das nie ganz begriffen. Ich glaube, das bedeutet, man isst nichts, was einen Schatten wirft oder so. Egal, man hat ja Hasch. Und so steigt man dann immer weiter in den Olymp des Kults. Hauptsache Liebe und Frieden. So geht das dann weiter, bis man den absoluten Clou landet und einen Märtyrer Tod stirbt. Dann hat man den Rasta-Gott. Was heute davon übrig geblieben ist, sind ein paar Freaks, die sowieso keiner ernst nimmt. Bob Marley würde sich im Grab drehen. Oder immerhin einen Joint.“

(Fabian)

 

Im Rausch

Ich weiß nicht mehr, dass es ein Ich überhaupt gibt. Nur noch leichte, fast unwirkliche Gefühle können verspürt werden, sowie die Impulse meines Gegenübers, dessen Hände und Arme mir so vertraut sind, genau wie sein Gesicht, als würde alles dies mir gehören. Kenne ich meinen Namen nicht mehr und noch weniger mein Äußeres, so hab ich doch das Gefühl, jeden einzelnen Schritt trotz der lauten Umgebung innerlich zu spüren. Und da er mich hält, gewohnheitsmäßig und dennoch besonders, fühle ich mich leicht , wohl viel viel leichter als ich in Wahrheit bin. Obwohl die Bewegungen schon tausendmal gemacht wurden, mal besser und mal schlechter, hat jede erneute Ausübung ihren eigenen Glanz. Ich weiß für einen kurzen Moment nicht mehr, dass ich bald wieder auf dem Fahrrad unterwegs sein werde und mir mit der dann freien Hand den Schweiß aus der Stirn wische. Dann ist zwar alles vorbei, doch jetzt habe ich immer noch das Gefühl, als würde einzig und allein mein Körper existieren und agieren, alles oberhalb meiner Brust ist nicht vorhanden. Jede einzelne, simple Berührung und der feste Griff, der meine Hände hält sowie die Art, wie ich mich nicht alleine fortbewege, geben mir endlich die Möglichkeit, wenigstens ganze drei Minute mit vollkommen leerem Kopf zu sein. Nur leichtes Glück ist innerlich zu verspüren, aber den kurzen Zauber macht eher das Nichtvorhandensein von starken, exzessiven, nachhaltigen Gefühlen aus. Die Musik endet und der Schleier der Neutralität, der alles umgeben hat, ist verschwunden. Nun ist alles wieder da, das Ich, der Druck, die starken Empfindungen und dieser kurze aber intensive Rausch wurde beendet. Entspannt, aufgekratzt, niedergeschlagen und verliebt verlasse ich die Tanzschule.

(Hannah)

 

Der Dalai-Lama, ein selbstverliebter Egozentriker (!?)

Sieht man Tenzin Gyatso, den 14. Dalai-Lama, abends in den Nachrichten, so wirkt er, wie es von einem der höchsten religiösen Würdenträger zu erwarten ist, weise und bedacht, nahezu unfehlbar, wenn er wieder eine seiner „Liebe und Frieden“- Reden hält und sich gegen Krieg und Unterdrückung oder für ein freies Tibet ausspricht. Aber mal ehrlich, wer sieht diese moralischen Fragen nicht genauso!? Ist es nicht nur die Tatsache, dass es „Unsere Heiligkeit“ und nicht irgendwer ist, der zu bestimmten politischen Themen Stellung nimmt, die all die Euphorie verursacht? Der Dalai-Lama erklärt uns die Welt, das ist dabei das Entscheidende! Der Inhalt ist meist zweitrangig, da sowieso immer die gleiche, fast kitschige und ausgelutschte Botschaft übermittelt wird. Mit Religion oder Weisheit hat das scheinheilige Auftreten des 14. Dalai-Lamas wirklich nur noch wenig zu tun. Ganz von den Medien gelenkt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das zu erzählen, was sowieso alle erwarten. Ob ihm das ganze aber wirklich so missfällt, ist eine andere Frage: Das medienwirksame Auftreten in buddhistischer Mönchskleidung heimst ihm viele „Besonderheitspunkte“ beim Publikum ein. Er scheint oft mehr die Rolle eines Popstars, statt die eines tibetischen Buddhisten einzunehmen. Dies äußert sich in einem selbstverliebten Auftreten, was einzig und allein dem Zweck der Selbstdarstellung dient. Er nutzt die Fernsehbühne, um sich selbst zu präsentieren, nicht aber um Frieden zu stiften…

(Jan)