Mathias Gatza: Lesung

  Schreiben ist kein Wunschkonzert! 

IMG_4326.jpgDienstagmorgen, 6.Stock im Gebäude der ÖVB, die den Förderpreis in der Höhe von 6.000 Euro seit 2005 finanziert.Drei 11.Klassen haben sich hier versammelt, um einer Lesung von Mathias Gatza zu lauschen. Fast zwei Jahrzehnte lebte Gatza „auf der anderen Seite der Literatur“. Er arbeitete als Lektor und Verleger. Nun hat er im Mai 2008 seinen ersten Roman fertig gestellt und gleich den Förderpreis des Bremer Literaturpreises gewonnen. Die Schüler der Gymnasien an der Hamburger Straße, vom Gymnasium Vegesack und Kippenberg beobachten Mathias Gatza, der nach vorne an das Pult tritt, sich lässig auflehnt und zu lesen beginnt. IMG_4337.jpg Der Roman „Der Schatten der Tiere“ ist die Geschichte eines namenlosen Erzählers, der versucht, irgendwie durch sein Leben zu kommen. Eines Tages steht die Frau seines „Freundes“ Braun vor seiner Tür und teilt ihm mit, Braun sei ermordet worden. Gemeinsam fahren die beiden zu Brauns Beerdigung. Der Erzähler verliebt sich in die Witwe. Sie verlieren sich wieder aus den Augen, aber der Mord und die Witwe lassen den Erzähler nicht mehr in Ruhe, und er forscht weiter. Zudem kommt noch, dass der Erzähler von seiner Frau geschieden lebt und eine pubertierende Tochter hat.

 

IMG_4328.jpgGatza liest uns eine Stelle vor, wo der Erzähler, nach einem Drogenabsturz gerade aus der Suchtklinik entlassen, seiner Tochter Mathenachhilfe geben muss. Gatza lacht, als er uns Schülern mitteilt, dass die Stelle, die er uns vorlesen wird „mit Mathenachhilfe beginnt und mit einem Deutschaufsatz endet“. Gatza schreibt lange, beschreibende Sätze, es ist interessant, aber nicht immer leicht, ihm zu folgen. Die Geschichte ist nicht einfach, aber mit der Zeit versteht man mehr und mehr. Nach einiger Zeit blickt Gatza von seinem Buch auf, grinst und fragt: „Könnt ihr noch?“ Ein zustimmendes Murmeln der Schüler und weiter geht’s. Der letzte Ausschnitt, den er uns vorliest, handelt von Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Geradezu respektlos, aber humorvoll, kritisiert er hier Beckett. Später erklärt er uns, er habe gerade Beckett ausgewählt, weil er in der jahrelangen Arbeit mit jungen Autoren immer wieder feststellen musste, dass der heutzutage häufig als „Heiliger“ gesehen würde. Nach Gatzas Meinung gibt es jedoch nicht einen Autor, dem man keine Fehler nachweisen könnte. Jeder Autor mache Fehler. Deshalb störe ihn die Idealisierung Becketts. Überhaupt müsse man als Leser jeden Autor auf seine Tauglichkeit für die Gegenwart prüfen.

Nachdem Gatza uns einen Einblick in seinen Roman gegeben hat, dürfen wir Fragen stellen. Die erste Scheu wird überwunden und bald kommen mehr und mehr Fragen. Es ist aber auch wirklich interessant, hier einen Menschen vor sich zu haben, der beide Seiten der Literatur gut kennt. Gatza ist sehr sympathisch, freundlich und lässt sich auf ein angenehmes Gespräch mit uns Schülern ein. Er erzählt uns, dass man die Namen der Figuren in einem Roman richtig lieb gewinnt. „Wenn man Namen, mit denen man drei Jahre lang gelebt hat, ändern muss, ist das für einen Autor eine Qual!“, sagt er, der selbst einst Lektor war und den Autoren Änderungen vorschlug. Nun sitzt er auf der anderen Seite. „Ich weiß aus Erfahrung, wie wichtig ein Lektor ist!“, sagt er, „aber Lektor sein und selbst schreiben, das sind zwei vollkommen verschiedene Welten.“ Jeder Autor hat seine „blinden Flecken“. Deshalb hat er sich selbst auch eine besonders kritische Lektorin ausgesucht.

IMG_4332.jpgZu der Entstehung seinen Romans wird er gefragt. Er erzählt uns, dass er erst viel recherchiert hat, dann Zeitpläne und Biographien schrieb, um mit dem Plan eines Buches im Kopf schreiben zu können. Aber er musste bald feststellen, dass Schreiben kein Wunschkonzert ist. „Man kann nicht alles planen!“, lacht er. „Es ist zur Hälfte Kontrolle und zur Hälfte Kontrollverlust!“ Erst während des Schreibens seines Romans hat er das Schreiben so richtig gelernt, und jetzt ist zwar ein anderes Buch entstanden, als das in seinem Kopf, aber er ist froh, dass es dieses Buch in der Realität gibt.

„Wieso gerade der Titel „Der Schatten der Tiere“?“ wird gefragt. Das habe etwas damit zu tun, dass er in seinem Buch die Grenzlinie zwischen Mensch und Tier zeigen will. Irgendwo sind wir alles Tiere. „Dies ist ein großer Raum voller Säugetiere!“, sagt Gatza grinsend und deutet auf uns. Die Möglichkeit der Menschen, da raus zu kommen, sieht er in der Mathematik, dem Rausch und der Religion. Diese drei Themen seien es, mit denen die Menschen versuchen können, sich von den Tieren abzugrenzen. Und um diese Grenzlinie zwischen Tier und Mensch, die Schatten, die die Tiere auf uns Menschen werfen, geht es in seinem Roman.

IMG_4329.jpgDas Thema „Mensch und Tier“ hat neben seiner Sprache auch die Jury des Bremer Literaturpreises überzeugt. Außerdem sahen sie in diesem Buch das Potenzial des Autors, noch mehr gute Bücher zu schreiben.

„Ich habe schon mit einem neuen Roman begonnen“, sagt Gatza, „um nicht in ein Loch zu fallen, nachdem der erste Roman beendet war.“ Er nennt diese Arbeit an einem neuen Roman lachend „Notwehr vor dem Loch“ So habe er nun eine neue Welt, in die er sich begeben kann, wenn er wieder nach Berlin zurückkehrt.

Zum Abschluss verteilt er noch eine kleine Aufgabe an die Schüler, die am nächsten Tag einen Workshop mit ihm machen dürfen.

Wir sind gespannt, wie das wird.

 

 

Lesung am 27.1.2009 im Konferenzraum der ÖVB in der Martinistraße

(Marika G.)

 

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