Interview mit der Geschäftsführerin vom Virtuellen Literaturhaus Bremen: Heike Müller

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Hallo Heike, schön, dass du Zeit für uns hast. Wir von »workshop literatur« sind ja heute hier, um ein bisschen mehr über das »Virtuelle Literaturhaus«, dich und deinen Job zu erfahren.

Was kann man sich denn eigentlich unter einem „virtuellen“ Literaturhaus vorstellen, ist es eine Art Internetbibliothek oder ein Treffpunkt für bestimmte Menschen?

Heike Müller gießt uns Wasser ein, bietet uns Kekse an und beantwortet mit einem freundlichen, offenen Lächeln unsere erste Frage.

Ja, so ungefähr. Das »virtuelle Literaturhaus« ist sehr vielschichtig. Es besteht jetzt seit 2005 und wird im Dezember drei Jahre alt. Das Literaturhaus ist ein Informationsportal im Internet. Wir informieren auf unserer Seite www.literaturhaus-bremen.de über verschiedenen Veranstaltungen über Autoren aus Bremen und Umgebung, über verschiedene Festivals, über Bibliotheken, über Literaturpreise, aber auch über das literarische Leben im Allgemeinen.

Zusätzlich arbeiten wir eng mit „Radio Bremen“ zusammen und bieten deswegen auch viele Hörproben auf unserer Website an: verschiedene Lesungen, Interviews etc., so dass man Zugriff auf eine breite Palette an Audiomaterial hat. Das bietet wiederum die Möglichkeit, auch geschichtlich zurück zu gehen. So kann man bei uns heute noch Autoren im Original von 1953 hören wie beispielsweise Günter Grass. Ein anderer Aktionspunkt unseres Literaturhauses ist die Vergabe von einem Literaturpreis, der „Bremer Netzresidenz“ Wir verlosen aber auch Bücher, bieten ein Forum für Literaturinteressierte und man kann sogar einen Newsletter abonnieren.

Welche Projekte unterstützt das Literaturhaus denn noch?

Unser „Riesenbaby“ ist zurzeit die Entwicklung eines bundesweiten Kinder- und Jugendportals. Damit wenden wir uns direkt an jüngere Zielgruppen und laden zum Lesen, Schreiben, Chatten und Mitmachen ein.

Kommen wir noch mal zu Eurem Preis zurück, dem „Bremer Netzresidenz- Preis“. Was können wir uns darunter vorstellen? Nach welchen Kriterien wird er vergeben? Foto: Heike Müller mit ihrer Mitarbeiterin Esther Willbrandt

Diesen Preis vergeben wir jetzt schon seit zwei Jahren, immer an Projekte, die im größeren Stil im Internet online sind und vernetzen. Es ist eine globale Idee. Das auszuzeichnende Projekt muss reizvoll genug sein und natürlich eine literarische Qualität aufweisen. Am wichtigsten ist aber die schon genannte Vernetzung zwischen Kulturen und Menschen.

Es gibt ja auch eine Vernetzung mit uns, mit workshop literatur. Zwei Preisträger haben wir schon live erlebt: Benjamin Lauterbach und Finn- Ole Heinrich! Die sind ja real mit ihren Lesungen und ihren Schreibwerkstätten für OberstufenschülerInnen nach Bremen gekommen, nicht nur virtuell. Aber vor allem geht es bei dem Preis doch wohl darum, dass die Gewinner drei Monate lang im Literaturhaus , „online wohnen“ dürfen!? Wie müssen wir uns das vorstellen, das hört sich ja schon lustig an?

(Lacht) Ja, das ist richtig, der Gewinner oder die Gewinnerin wohnt drei Monate bei uns auf der Website. Das bedeutet, dass er sich jederzeit bei uns einloggen kann und seine Werke veröffentlicht oder auch eine eigene Website an unsere linkt.

Zusätzlich halten wir einen regen und engen Mailkontakt mit dem oder der Preisträger/in, es ist also, als ob wir zusammen wohnen würden .

Ein großer Erfolg waren Übersetzungen eines Autors, die er in unser Forum gestellt hat und die von den Benutzern des Literaturhauses kommentiert wurden. Die Übersetzung ist dann im Suhrkamp Verlag erschienen und wurde über sechs Seiten lang in der ZEIT rezensiert.

Das waren jetzt ganz viele tolle Informationen über das „virtuelle Literaturhaus“. Wir möchten aber natürlich auch mehr über die Person wissen, die dies leitet. Heike, erzähl mal, wie bist du zu dem Job gekommen?

Das ist eine lange Geschichte, ich hab früher bei einer  Kulturstiftung die Leitung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit  übernommen. Meine Ausbildung nennt man „Fachwirtin für Public Relations“ Im Prinzip lernt man da sehr viel über Kommunikation und das Steuern von Kommunikationsprozessen. Dieses Wissen über Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit sind gute Notwendigkeiten für den Aufbau solch eines Literaturhauses.

Wow, das hört sich spannend an. Was gefällt dir denn besonders an deiner Arbeit?

Das lässt sich ganz kurz sagen: Ich finde es toll, junge Autoren zu prämieren und somit neue, Projekte zu unterstützen und zu verbreiten.

Schreibst du eigentlich selber auch viel und gerne?

Ich habe früher Sachbücher geschrieben, aber nicht, weil ich es so gerne gemacht habe, das hatte eher pragmatische Gründe. Ich musste mir mein Studium finanzieren.

Trotzdem war und bin ich immer sehr an Literatur interessiert, habe gerne Literatur gefördert, und ich glaube, deshalb ist sie mir auch „die liebste aller Künste“.

Ich muss sogar zugeben, ich wollte Germanistik studieren, habe aber dann gemerkt, dass mir dabei die Lust am Lesen vergangen ist. Deshalb habe ich das Studium gewechselt. Die Literatur war mir einfach zu wichtig .

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Danke Heike, wir haben eigentlich auch gar keine Fragen mehr, aber vielleicht kannst du uns noch kurz etwas zur „readme.cc“-website sagen, das ist doch auch eine neue Kooperation vom Literaturhaus Bremen.

Ja, also das Projekt „readme.cc“  dreht sich ums Lesen und natürlich um die Literatur. Es ist eine europäische Lesecommunity in zehn Sprachen, eine Website zum Selbergestalten. DasProjekt läuft seit einem halben Jahr und ist EU gefördert. Aber schaut euch die Seite ruhig selbst an: www.readme.cc

Wir bedankten uns bei Heike für das schöne Interview, tranken noch unser Wasser aus und verließen dann die gemütliche, helle Dachstube, in der das Literaturhaus sein „nicht-virtuelles Büro“ hat.

 24.11.2008

(Jamilah/ Marika/- Fotos/Marika)